24.06.2026 • Themen

Ohne Chemie keine Souveränität

Die Wettbewerbsfähigkeit des europäischen Chemiesektors hat sich im globalen Vergleich deutlich verschlechtert. Während China seine industrielle Basis massiv ausgebaut hat und heute die mit Abstand führende Chemienation ist, haben die USA ihre Attraktivität für Investitionen durch eine aktive Industriepolitik, günstige Energie und klare Anreize gezielt gestärkt. In Europa hingegen machen wirtschaftliche und regulatorische Rahmenbedingungen Investitionen zunehmend unrentabel. Besonders betroffen ist die chemische Industrie als Fundament nahezu aller industriellen Wertschöpfung. Ihre Entwicklung entscheidet maßgeblich darüber, ob Europa industrielle Substanz, Innovationskraft und strategische Handlungsfähigkeit langfristig sichern kann – oder in strukturelle Abhängigkeiten gerät. Florian J. Kohl, President Epoxy & Chemicals International im Vorstand der Olin Corporation, kennt die internationalen Unterschiede aus eigener Erfahrung seit fast 25 Jahren in den USA und nach Stationen in China und Japan. Michael Reubold sprach mit ihm über die aktuelle Lage – und darüber, welche Kurskorrekturen jetzt notwendig sind.

Ohne Chemie keine Souveränität
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CHEManager: Herr Kohl, wie blicken Sie als gebürtiger Deutscher und US-Bürger mit Ihrer Erfahrung und Ihren Kenntnissen der internationalen Chemieindustrie auf die derzeitige wirtschaftspolitische Weltlage? Machen Sie sich Sorgen um die industrielle Basis in Europa?

Florian J. Kohl: Ja, ich mache mir ernsthafte Sorgen – allerdings nicht wegen mangelnder Innovationskraft. Europa verfügt weiterhin über exzellente Unternehmen, hochqualifizierte Fachkräfte und starke industrielle Cluster. Aber Investitionen verlagern sich zunehmend weg von Europa. Das ist kein Zufall, sondern das Ergebnis struktureller Standortnachteile für die europäischen Unternehmen.
Wir sehen konkrete Konsequenzen: Anlagen werden stillgelegt, Kapazitäten abgebaut und Investitionen verschoben. Industrie wandert nicht aus, weil sie es möchte, sondern weil sie es wirtschaftlich muss. Wenn wir diesen Trend nicht stoppen, verlieren wir nicht nur einzelne Standorte, sondern ganze Wertschöpfungsketten. Und diese gehen in der Regel dauerhaft verloren – inklusive Know-how, Investitionen und Innovation.

Was hören Sie diesbezüglich von Ihren US-Kollegen?

Florian J. Kohl, President Epoxy & Chemicals International, Olin Corporation
Florian J. Kohl, President Epoxy & Chemicals International, Olin Corporation
© Olin Corporation

F. Kohl: Auch sie nehmen Europa zunehmend als schwierigen Investitionsstandort wahr. Vor allem wegen der hohen Kosten, hohen Steuern und großen wirtschaftspolitischen Unsicherheiten. Die USA haben hingegen eine gezielt gesteuerte Industriepolitik betrieben: sehr günstige und saubere Energie, klare industriepolitische Anreize und verlässliche Rahmenbedingungen – und die Ambition in Schlüsselindustrien führend zu sein und zu bleiben. Investitionen folgen global klaren wirtschaftlichen Kriterien und nicht politischen Zielsetzungen.
Europa hingegen wirkt aus der Ferne häufig wie ein Standort mit hohen Ambitionen, aber sehr begrenzter wirtschaftlicher Umsetzungsfähigkeit. Ein Satz, den ich oft in den USA höre, bringt es auf den Punkt: „Why would we invest in Europe if we can get better returns with lower risk elsewhere?“
Ich lebe zwar seit 25 Jahren außerhalb Europas, aber wir haben wichtige Produktions- und Forschungsstandorte in Deutschland und Italien. Ich bin mehrfach im Jahr hier und weiß, wie stark die industrielle Substanz und die Innovationskraft nach wie vor sind. Es geht nicht darum, Europa neu zu erfinden, sondern seine vorhandenen Stärken wieder zur Geltung zu bringen.

Die Produktivitätsentwicklung in den USA und Europa hat sich seit der Pandemie deutlich auseinander­entwickelt. Welche Faktoren sind aus Ihrer Sicht dafür ausschlaggebend?

F. Kohl: Die Ursachen sind strukturell. In den USA profitieren Unternehmen von aktiver und zielgerichteter Wirtschafts- und Industriepolitik. Europa hingegen hat sich völlig ohne Not in eine Situation manövriert mit sehr hohen Energiekosten, komplexer Regulierung, wie z. B. der IED und ETS, fehlender Planungssicherheit für Industrieanlagen. Das führt dazu, dass Kapital effizienter eingesetzt wird – aber eben zunehmend außerhalb Europas. Produktivität folgt Investitionen – und Investitionen folgen den Rahmenbedingungen. Der Unterschied ist also kein Zufall, sondern systemisch bedingt.

Olin betreibt auch Anlagen in Europa, vor allem im Bereich Chlor­alkali-Derivate und Epoxidharze. Wie wichtig sind diese Anlagen für nachfolgende lokale Wertschöpfungsketten – und wie betreiben Sie Ihre europäischen Anlagen wettbewerbsfähig?

F. Kohl: Unsere Anlagen sind in­tegraler Bestandteil industrieller Ökosysteme. Unsere Materialien sind relevant in nahezu allen Schlüsselbranchen wie der Luft- und Raumfahrt, Energiein­frastruktur, Automobil und Bauwesen. Wenn Europa in der Lage sein will, seine Windturbinen, Wasserstoffterminals, KI-Rechenzentren zu bauen, aber auch in Fragen der Verteidigung wie beim Bau des Eurofighters, des Airbus A400M, Drohnen, Hubschraubern, U-Booten oder auch den derzeit gefragten Minenaufklärern unabhängig zu sein, braucht es eine eigene Epoxid- und Kompositproduktion. Ohne diese Basis werden strategische Abhängigkeiten unausweichlich.

Gibt es aus Ihrer Sicht noch Chancen, diesen Trend einer schleichenden Deindustrialisierung in Europa umzukehren?

F. Kohl: Ja – aber das Zeitfenster wird immer kleiner. Wir müssen uns klar machen: Einmal verlorene industrielle Kapazitäten kommen selten zurück. Investitionsentscheidungen werden heute global getroffen – und sie sind aufgrund der hohen Kapitalintensität in unserer Industrie langfristig. Was wir aktuell sehen, ist keine normale Anpassung. Die sehr reale Gefahr ist, dass aus dieser Verschiebung eine dauerhafte Deindustrialisierung wird.

Seit der Produktionsaufnahme 1972 hat sich das Werk Stade zu einem der...
Seit der Produktionsaufnahme 1972 hat sich das Werk Stade zu einem der bedeutendsten und größten Industriebetriebe in Niedersachsen entwickelt. Olin ist Marktführer bei Epoxidharzen und stellt am Standort Stade weitere chemische Produkte wie z.B. Verbundstoffe her.
© Olin

Welche Maßnahmen müsste die Politik ergreifen, um die Rahmenbedingungen in Europa zu verbessern und den Industriestandort Europa wieder zukunftsfähig zu machen? Was wären für Sie erste konkrete Schritte?

F. Kohl: Die Prioritäten sind eindeutig: Es braucht dauerhaft und zuverlässig wettbewerbsfähige Energiepreise. Der Strom in Texas kostet in der Erzeugung 4 bis 5 Cent pro Kilowattstunde und stammt aus einem Mix aus modernen Kernkraftwerken, Gaskraftwerken, Solar- und Windenergie. Das ist der Maßstab. Dann braucht es eine exzellente Infrastruktur, in die insbesondere Deutschland dringend wieder investieren muss. Diese zwei Hebel sind ganz entscheidend. Regulierungen müssen deutlich einfacher, schneller und verlässlicher sein, um Investitionen anzuziehen.
Aber die Energiefrage ist derzeit die drängendste. Die internationale Wettbewerbsfähigkeit energieintensiver Industrie entscheidet sich heute primär über Energiepreis und -verfügbarkeit. Das ist kein kurzfristiger Nachteil – sondern ein struktureller Standortfaktor. Hier ist Europa auch gegenüber staatlich gelenkten Volkswirtschaften wie China oder Korea im Nachteil  – und ohne Korrektur wird sich dieser weiter vergrößern. Dies gilt im besonderen Maß auch im Wettlauf bei künstlicher Intelligenz mit ihren extrem energiehungrigen Rechenzentren.

„Investitionen folgen global klaren wirtschaftlichen Kriterien und nicht politischen Zielsetzungen.“

Deutschland verfügt nicht über viele Rohstoffe und der Strom ist nicht sauberer als in den USA, aber erheblich teurer. Wie müsste eine Industriepolitik aussehen, die bei diesen Strukturproblemen für Verbesserungen sorgt?

F. Kohl: Europa wird auch künftig wohl nie der günstigste Standort für Energie oder Rohstoffe sein. Deshalb muss Industriepolitik gezielt kompensieren. Das heißt: Technologieoffenheit, Sicherung der Energieversorgung, Abbau regulatorischer Belastungen. Und vor allem: Industriepolitik muss ermöglichen – nicht zusätzlich belasten. Teilweise entsteht der Eindruck, dass Industrie nicht mehr als strategischer Kern des Standorts verstanden wird – und dass die Vorsicht gegenüber neuen Technologien wie Fusionstechnologie und künstlicher Intelligenz größer ist als das Vertrauen in ihre Chancen. Ich lebe seit 21 Jahren auf dem „Barnett Shale“ wo die  Kombination aus Fracking und Horizontal Drilling entwickelt wurde, und kann Ihnen versichern, dass die in deutschen Medien kolportierten Horrorszenarien nichts mit der Realität zu tun haben. Die kategorische Ablehnung der Förderung des durchaus reichlich vorhandenen Schiefergases in Deutschland wie auch die Verteufelung der Kernenergie kann ich als Deutsch-Amerikaner nicht nachvollziehen.
Deutschland war als Exportweltmeister stets durch ein ausgezeichnetes  Bildungssystem, exzellente Infrastruktur und einen durch Innovation getriebenen unternehmerischen Geist differenziert. Wenn man sich auf diese Stärken besinnt, dann wird das „Land der Ideen“ schnell auf die Erfolgsspur zurückkehren.

„Klimaschutz ohne Wirtschaft und Industrie gedacht ist politisch ambitioniert, aber völlig wirkungslos.“

Die sinkende Wettbewerbsfähigkeit des europäischen Chemiesektors scheint den Klimaschutz in den Hintergrund gedrängt zu haben. Welche Chancen bietet der Klimaschutz für die europäische Chemie?

F. Kohl: Die Chancen sind groß – aber nur mit einer funktionierenden Industrie, solider Wertschöpfung und kluger Regulierung. Wenn Produktionen wie derzeit aus der EU oder den USA verlagert wird, passiert häufig Folgendes: Emissionen steigen global, weil in Regionen mit höherer CO₂-Intensität produziert wird. Das ist kein wirksamer Klimaschutz. Das bedeutet: Emissionen werden nicht vermieden, sondern verlagert. Klimaschutz, ohne Wirtschaft und Industrie gedacht, ist politisch ambitioniert, aber völlig wirkungslos. Die Transformation muss mit der Industrie erfolgen – nicht gegen sie.

Sie sagen, dass Europas Industrie nicht an Innovationskraft leidet, sondern an politischen Rahmenbedingungen.

F. Kohl: Richtig! Europa hat kein generelles Innovationsdefizit, sondern ein Umsetzungsproblem. Europa hat ausgezeichnete Forschungsinstitutionen und entwickelt viele zukunftsträchtige Technologien, wenngleich weniger als zuvor. Der eigentliche Schwachpunkt aber ist die Skalierung, Industrialisierung und Kommerzialisierung von Ideen. Das ist bei allen Ressentiments gegenüber den USA, die es in Europa derzeit gibt, eine eindeutige Stärke der USA. Junge Frauen und Männer aus der Forschung und Entwicklung kommen aus aller Welt, um ihre Ideen zu realisieren und erfolgreich zu sein. Weil das Kapital hier vorhanden ist, mit einer höheren Risikotoleranz investiert wird und der Staat Gründungen und Innovationen unterstützt, anstatt sie im Keim zu ersticken. Das ist der Unterschied zwischen Forschung und Industrialisierung – und genau hier verliert Europa an Boden.
Die Verlagerung von ganzen Industriezweigen nach Asien und Nordamerika erodiert die Know-how-Basis zusätzlich, da Innovation nahe am Kunden und in der Produktion stattfindet.

Sehen Sie in Deutschland noch Wachstumspotenzial für Olin – und wenn ja, wo?

F. Kohl: Deutschland und Europa stehen im globalen Wettbewerb um Industrieinvestitionen – und dieser Wettbewerb ist kompromisslos. Wir treffen Investitionsentscheidungen nicht entlang politischer Zielbilder, sondern entlang von Marktpotenzial, Kosten, Verfügbarkeit und Risiko. In diesem Vergleich hat Europa aktuell strukturelle Nachteile.
Der Unterschied zu anderen Regionen ist: Dort werden strukturelle Nachteile aktiv kompensiert, während sie in Europa teilweise noch verstärkt werden. Manchmal entsteht der Eindruck, dass industrielle Wertschöpfung nicht mehr als strategischer Kern des Standorts verstanden wird.
Grundsätzlich beliefern wir Kunden in diversen Schlüsselindustrien, und ich möchte gerne auch in Zukunft unsere Kunden mit Materialien für Windkraftanlagen, die Energieinfrastruktur, Mikroelektronik, die Luft- und Raumfahrt ebenso wie die Verteidigungsindustrie aus unseren europäischen Produktionsstandorten beliefern und gemeinsam mit unseren Kunden an Innovationen arbeiten. Dies ist auch eine Frage der europäischen ökonomischen und sicherheitspolitischen Souveränität, wenn man die Resilienz der ganzen Wertschöpfungsketten betrachtet.

China exportiert seine überschüssige Produktion zu Dumpingpreisen nach Europa. Sie bezeichnen das als asiatischen Raubtiermerkantilismus. Welche Gegenmaßnahmen halten Sie für zielführend?

F. Kohl: Wir sehen seit 2019 den Aufbau massiver Überkapazitäten in China und Südkorea und systematischen Exportdruck. Das ist kein normaler Wettbewerb, das ist systematisches und destruktives Vorgehen gegen ganze Wertschöpfungsketten in Form eines aggressiven, staatlich gelenkten Merkantilismus. Die Übernahme der Solarpaneelproduktion war nur der Anfang, das gleiche wiederholt sich nun bei den Windrädern und bei Halbleitern – und das mit Ansage aus den Fünfjahresplänen. Die meisten unserer Wettbewerber haben ihre Produktion in Europa bereits aufgegeben.
Europa reagiert bislang viel zu langsam auf diese Entwicklung, obwohl sie seit Jahren absehbar ist. Stattdessen muss Europa aus meiner Sicht mit wirksamen handelspolitischen Instrumenten reagieren, schnellere und effektivere Anti-Dumping-Verfahren nutzen, um zu intervenieren, Handelsinteressen für die gesamte EU konsequenter durchsetzen und bei Schlüsselindustrien auch Kompetenzen und Souveränität mit Safeguard-Maßnahmen schützen. Offene Märkte sind wünschenswert und ermöglichen Teilhabe, aber sie funktionieren nur, wenn sie fair sind.

„Europa steht vor einer fundamentalen Richtungsentscheidung.“

Was sie aber immer weniger sind …

F. Kohl: Die EU, und allem voran Deutschland, darf im globalen Wettbewerb nicht naiv und zaghaft sein. Europa steht nicht vor einer Innovationskrise, sondern vor einer fundamentalen Richtungsentscheidung: Wollen wir industrielle Wertschöpfung weiterhin hier halten oder akzeptieren wir ihre schrittweise Verlagerung – mit allen Konsequenzen für Wachstum, Sicherheit, Souveränität und Wohlstand? Die Antwort darauf wird nicht nur über Wettbewerbsfähigkeit entscheiden, sondern über die wirtschaftliche Sicherheit und strategische Handlungsfähigkeit Europas im nächsten Jahrzehnt.

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Florian J. Kohl

Florian J. Kohl ist seit 2023 Vice President und President für den Bereich Epoxy & Chemicals International im Vorstand der Olin Corporation in Houston. In seiner Rolle verantwortet er die globale Epoxy-Sparte des US-Chemiekonzerns und leitet internationale Initiativen, wie z. B. die Interessenvertretung bei Anti-Dumping-Verfahren in der EU und den USA. Kohl hat an der Technischen Universität München Chemie studiert und promoviert. Seine berufliche Laufbahn begann er Ende 2000 bei Celanese zunächst in Deutschland. Ab 2004 bis 2023 bekleidete er bei Celanese verschiedene Positionen mit zunehmender globalen Verantwortung in den USA und in China.

Zuletzt war er Vice President, Global Vinyls Chain & Head of Acetyls Americas. 2016 wurde er zudem zum CEO des Joint Ventures Fairway Methanol zwischen Celanese und Mitsui & Co. ernannt, eine Position, die er bis zu seinem Ausscheiden bei Celanese innehatte. 2023 wechselte Kohl als General Manager des Blue Water Joint Venture mit Mistui &Co und President Epoxy zu Olin. Neben der Vorstandstätigkeit bei Olin fungiert er auch als Aufsichtsratesvorsitzender von Blue Water und Executive Sponsor des Olin Science Corner Network. Kohl hat die deutsche und amerikanische Staatbürgerschaft und lebt seit 2004 in Dallas, Texas.

| Image: © Olin Corporation

Dieser Beitrag ist in CHEManager 5/2026 erschienen.

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