Überfällige Weichenstellungen
Stagnierende Nachfrage, neue Belastungen: Herausforderungen für die Farben- und Lackindustrie 2026

Die Prognosen für den Markt für Farben und Lacke bleiben verhalten. Die Nachfrage bei Industrie- oder Autoserienlacken, bei Bautenanstrichmitteln und Druckfarben dürfte auch 2026 stagnieren oder nur leicht steigen (siehe Meldung auf Seite 4). Umso wichtiger für die Branchenunternehmen ist ein Abbau von Belastungen, um ihre Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern. Der Präsident des Verbands der deutschen Lack- und Druckfarbenindustrie (VdL), Harald Borgholte, plädiert für mehr Mut beim Bürokratieabbau und schnelle, verhältnismäßige und praktikable Regulierungsansätze. Das Interview führte Michael Reubold.
CHEManager: Herr Borgholte, welches sind zum Jahresbeginn 2026 die zentralen industriepolitischen und regulatorischen Themen für die Lack- und Farbenindustrie?
Harald Borgholte: 2024 haben wir die Antwerpener Erklärung für einen europäischen Industriepakt mitunterzeichnet. Grundsätzlich lässt sich sagen, dass durch den Clean Industrial Deal und die Omnibuspakete der EU-Kommission viel Bewegung in die Gesetzgebung bei Chemikalien gekommen ist.
Auf der Jahrespressekonferenz des VdL haben wir die wichtigsten Themen, die natürlich auch immer eine politische Bedeutung haben, intensiv angesprochen: Die EU-Chemikalienstrategie brachte eine umfassende Überarbeitung der CLP-Verordnung mit neuen Gefahrenklassen und strengeren Kennzeichnungspflichten, die auch auf Lacke und Druckfarben wirken. Zwar wurden einige Übergangsfristen bereits durch sogenannte „Stop-the-Clock“-Maßnahmen verschoben, doch die Anforderungen an Etiketten und Einstufung sind thematisch 2026 noch hochaktuell, da die Kommission im Rahmen des Chemie-Omnibus plant, viele dieser Vorgaben zu vereinfachen und auf den Stand vor der Revision zurückzuführen. Aktuell beschäftigt sich das Parlament mit den Vorschlägen.
Die für Herbst 2025 angekündigte Revision von REACh ist weiterhin in der Schwebe. Die Diskussionen drehen sich um Vereinfachungen, aber auch die Konzepte der Chemikalienstrategie aus der letzten Amtszeit kommen in den Diskussionen auf Arbeitsebene immer wieder auf.
„Langwierige Genehmigungsprozesse sind Gift für Investitionsentscheidungen.“
H. Borgholte: Zuletzt habe ich Mitte Februar am „European Industry Summit“ in Antwerpen teilgenommen und dort viele positive Eindrücke mitgenommen: Positiv bewerten wir, dass die Argumente der Industrie inzwischen gehört werden, dass Brüssel erkannt hat, wie sehr die Unternehmen unter regulativem Druck stehen und dass es nicht darum geht, sich gegen einzelne Gesetze oder Berichtspflichten zu wenden. Die Politik in Brüssel und auch in Berlin hat auf oberster Ebene begriffen, dass es um die europäische Industrie als Ganzes geht und dass man an einigen Stellen die Schrauben einfach zu stark angezogen hatte. Ob Ursula von der Leyen, Emmanuel Macron oder Friedrich Merz – alle bekennen sich zur Entlastung der europäischen Wirtschaft angesichts einer disruptiven globalen Situation.
Unsere Erwartungen an die neue Bundesregierung haben sich im vergangenen Jahr aber nur teilweise erfüllt: Es geht nicht mit der gewünschten Geschwindigkeit und den erhofften großen Schritten vorwärts, das sehen wir etwa an dem für unsere Branche wichtigen, aber bislang ausbleibenden Auswirkungen des Bau-Boosters, aber auch an der Körperschaftssteuerreduktion 2028. Und langwierige Genehmigungsprozesse sind unverändert ein großes Hindernis für effektives Wirtschaften und Gift für Investitionsentscheidungen. Wir müssen große Schritte unternehmen, um wieder wettbewerbsfähig zu werden.
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