07.10.2026 • Themen

Technologien für Deutschlands Zukunft

Interview mit Wolfram Stichert, Dechema

Wolfram Stichert, Vorsitzender, Dechema
Wolfram Stichert, Vorsitzender, Dechema
© BASF

Die Deutsche Gesellschaft für Chemische Technik und Biotechnologie (Dechema) wurde 1926 in Kiel als eigenständige Gesellschaft mit Sitz in Berlin gegründet. Die heute in Frankfurt am Main ansässige Fachgesellschaft hat sich den bei der Gründung definierten Leitgedanken in den vergangenen 100 Jahren trotz kontinuierlicher Weiterentwicklung ihrer Organisation bewahrt: Menschen miteinander zu vernetzen, Wissen zu teilen und gemeinsam Fortschritt möglich zu machen. Im Interview mit Michael Reubold erläutert der Dechema-Vorsitzende Wolfram Stichert, wie die gemeinnützige Gesellschaft den Fortschritt bei aktuellen Zukunftsthemen wie Energie & Klima, Mobilität, Gesundheit oder Ressourcen durch den technisch-wissenschaftlichen Austausch von Fachleuten unterschiedlicher Disziplinen, Organisationen und Generationen fördert.

CHEManager: Herr Stichert, die Kernthemengebiete der Dechema sind Schlüsseltechnologien für den technischen Fortschritt. Welche Bedeutung haben diese Querschnittstechnologien wie Chemietechnik, Katalyse, Werkstoffe oder Biotechnologie für den Standort Deutschland und die Gesellschaft im Allgemeinen?

Wolfram Stichert: Diese Technologien sind die Grundlage für viele Lösungen, die unsere Gesellschaft heute und künftig braucht. Chemietechnik ermöglicht es, neue Verfahren vom Labor in den industriellen Maßstab zu überführen. Katalyse hilft dabei, chemische Prozesse effizienter und ressourcenschonender zu gestalten. Moderne Werkstoffe sind entscheidend für Leichtbau, Energieversorgung, Digitalisierung und Medizin. Die Biotechnologie eröffnet neue Wege für die Herstellung von Wirkstoffen, Lebensmitteln und indus­triellen Produkten. Ihre Bedeutung geht deshalb weit über die Chemieindustrie hinaus. Sie beeinflussen Wettbewerbsfähigkeit, Versorgungssicherheit, Klimaschutz und Lebensqualität.

„Die Stärke der Dechema liegt darin, Menschen und Disziplinen zusammenzubringen."

Für Deutschland kommt es darauf an, diese Technologien nicht nur zu erforschen, sondern sie auch schnell und wirtschaftlich in die Anwendung zu bringen. Dafür brauchen wir leistungsfähige Forschungsstrukturen, Investitionen, qualifizierte Fachkräfte und verlässliche politische Rahmenbedingungen.

Die großen Megatrends wie Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft, Energiewende und Dekarbonisierung oder Gesundheit und Ernährung erfordern interdisziplinäre und branchenübergreifende Zusammenarbeit. Wie fördert die Dechema den Wissenstransfer und die Innovationstätigkeit bei diesen Zukunftsthemen?

W. Stichert: Die Stärke der Dechema liegt darin, Menschen und Disziplinen zusammenzubringen. Viele der aktuellen Herausforderungen lassen sich nicht innerhalb einzelner Fachgebiete oder Branchen lösen. Deshalb schaffen wir eine Plattform für den Austausch zwischen Wissenschaft, Industrie, Start-ups, Politik und Gesellschaft. Das geschieht über Fachtagungen, Arbeitskreise, Publikationen, Forschungsprojekte und Netzwerke.

Die Dechema ist die zentrale Austauschplattform der Chemie- und...
Die Dechema ist die zentrale Austauschplattform der Chemie- und Biotechnologiebranche. Dabei spielt auch die Achema, die weltweit größte Messe für Prozesstechnik, eine wichtige Rolle.
© Dechema_Hannibal

Besonders wichtig ist uns, dass dabei auch unterschiedliche Generationen zusammenarbeiten. So werden Erfahrungen aus der industriellen Praxis mit neuen wissenschaftlichen Ansätzen und innovativen Geschäftsmodellen verbunden.

Bei Themen wie Kreislaufwirtschaft, Wasserstoff, CO2-Nutzung, Batterien, Biotechnologie oder nachhaltigen Produktionsverfahren geht es nicht nur um einzelne Technologien. Entscheidend ist das Zusammenspiel von Verfahren, Materialien, Anlagen, Infrastruktur und Regulierung. Genau an dieser Schnittstelle leistet die Dechema ihren Beitrag.

Die chemische Industrie steht momentan vor großen Herausforderungen, unter anderem der Dekarbonisierung ihrer Prozesse und der Defossilisierung ihrer Wertschöpfungsketten. Wie kann die Dechema dazu beitragen, diese Transformation zu bewältigen?

„Wir müssen Risiken sachlich
bewerten und offen für
Technologievielfalt bleiben."

W. Stichert: Die chemische Industrie in Europa geht derzeit durch eine schwere Zeit. Wir haben klare Ziele für die Dekarbonisierung – nicht nur der chemischen Industrie, sondern unserer gesamten Gesellschaft. Gleichzeitig befinden wir uns in einem globalen Wettbewerb mit gut aufgestellten Konkurrenten. Um für uns den richtigen Weg zu finden, sind viel wissenschaftlich-technische Expertise, viele neue Ideen und viel Austausch notwendig – hier kann die Dechema mit ihren guten Kontakten zur chemischen Industrie und zur akademischen Welt sowie ihren knapp 90 unterschiedlichen Gremien, die sich um fachlich-wissenschaftliche Themen kümmern, einen elementaren Beitrag leisten. Dabei spielt auch die Achema, die weltweit größte Messe für Prozesstechnik, eine wichtige Rolle. Die Dechema ist damit die zentrale Austauschplattform der deutschen, möglicherweise auch der europäischen Chemie- und Biotechnologiebranche.

Für diesen Austausch sind die Qualifikationen und Kompetenzen von Experten entscheidend. Befürchten Sie, dass durch den demografischen Wandel in Deutschland und Europa jahrzehntelang aufgebautes Expertenwissen verloren geht?

W. Stichert: Diese Gefahr besteht durchaus. Erfahrungswissen lässt sich nicht vollständig in Datenbanken oder Lehrbüchern abbilden. Oft geht es um ein Gespür für Prozesse, um die Interpretation ungewöhnlicher Situationen und um Entscheidungen, die auf jahrzehntelanger Praxis beruhen. Gleichzeitig sehe ich große Chancen.

Inwiefern?

W. Stichert: Der Wissenstransfer zwischen den Generationen kann gezielt organisiert werden – etwa durch Mentoring, gemeinsame Projekte, dokumentierte Erfahrungsberichte und eine stärkere Vernetzung von Fachleuten. Digitalisierung und künstliche Intelligenz  können dabei helfen, Wissen zugänglich und Zusammenhänge sichtbar zu machen sowie Informationen schneller auszuwerten.

Dabei wird KI menschliche Erfahrung nicht einfach ersetzen. Sie ist ein leistungsfähiges Werkzeug, dessen Qualität von den verfügbaren Daten und von der Kompetenz der Menschen abhängt, die ihre Ergebnisse bewerten. Deshalb müssen wir beides verbinden: das Erfahrungswissen der heute aktiven Fachleute und die digitalen Fähigkeiten der nächsten Generation.

Was macht Sie optimistisch, dass die Transformation der Chemie- und der Energiewirtschaft in Europa gelingt und wir neue Technologien zum Klima- und Umweltschutz und zur Sicherung von Energie-, Gesundheits- und Nahrungsmittelversorgung entwickeln können?

W. Stichert: Mich stimmt optimistisch, dass wir über eine außergewöhnlich starke Forschungs- und Industrielandschaft verfügen. Es gibt in Europa hervorragende Wissenschaftler, innovative Unternehmen und eine große Bereitschaft, neue Wege zu gehen. Die notwendigen Technologien entstehen bereits heute – von erneuerbaren Energien und Energiespeichern über neue Katalysatoren und biotechnologische Verfahren bis hin zu Lösungen für Recycling und CO2-Reduktion.

„Es kommt darauf an, Schlüssel-
technologien schnell und wirtschaftlich
in die Anwendung zu bringen."

Der Weg wird allerdings anspruchsvoll. Technologische Innovation allein reicht nicht aus. Wir brauchen wettbewerbsfähige Energiepreise, ausreichende Infrastruktur, Investitionssicherheit und eine Regulierung, die ambitionierte Ziele mit praktikablen Umsetzungspfaden verbindet.

Und wie gelingt diese Umsetzung?

W. Stichert: Entscheidend wird sein, dass wir schneller vom Wissen zur Anwendung kommen. Dafür müssen wir Risiken sachlich bewerten, erfolgreiche Pilotprojekte skalieren und offen für Technologievielfalt bleiben. Wenn Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Gesellschaft diesen Prozess gemeinsam gestalten, haben wir gute Chancen, Klimaschutz mit Versorgungssicherheit und indus­trieller Wertschöpfung zu verbinden. 

Was mich dabei optimistisch stimmt, ist die zunehmende Gründung von technologiebasierten Start-ups, die neue Technologien schnell umsetzen und so diese Transformation gemeinsam mit den etablierten Unternehmen vo­rantreiben. Die Dechema möchte dazu auch in ihrem zweiten Jahrhundert beitragen: durch Austausch, Kooperation und den Mut, neue Lösungen gemeinsam zu entwickeln.

BASF

Wolfram Stichert

Wolfram Stichert ist seit dem 1. Januar 2025 Vorsitzender des Dechema-Vorstands. Bereits von 2019 bis 2024 war er als Schatzmeister Mitglied im Dechema-Vorstand. Der promovierte Chemiker studierte an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz und der Goethe-Universität Frankfurt und absolvierte ein Betriebswirtschaftsstudium an der Fernuniversität Hagen. 1999 war Stichert Mitbegründer von HTE und hat maßgeblich dazu beigetragen, das Heidelberger Start-up zu einem weltweit führenden Unternehmen im Bereich der Hochdurchsatz-Katalysatortestung zu entwickeln. Seit April 2025 ist er als Senior Vice President Catalysts Research and Testing in der Unternehmensforschung bei BASF tätig.

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