Das unsichtbare Fundament des Fortschritts
Die heimlichen Helden der Transformation: Warum die Hightech-Agenda Schlüsseltechnologien braucht
Wenn wir heute über die Zukunft des Industriestandorts Deutschland sprechen, dann fallen schnell große und faszinierende Begriffe: Künstliche Intelligenz, Quantencomputing, klimaneutrale Mobilität und eine vollständig zirkuläre Wirtschaft. Die Hightech-Agenda der Bundesregierung zeichnet ein ambitioniertes und schlüssiges Bild – eine Vision, die Deutschlands Innovationskraft sichern und unsere technologische Souveränität stärken soll.
Doch bei aller Begeisterung für diese Leuchtturmthemen dürfen wir eines nicht übersehen. Es braucht ein Fundament, auf dem diese Zukunftsvisionen errichtet werden können. Ein Elektroauto ist mehr als nur eine Batterie und ein Elektromotor. Ein klimaneutraler Chemiepark ist mehr als nur eine Absichtserklärung. Und ein recyceltes Produkt ist mehr als nur ein grünes Label.
Der wahre Fortschritt, die tatsächliche Umsetzung dieser großen Ziele, wird von Technologien getragen, die zwar selten im Rampenlicht stehen, aber die entscheidende Grundlage für den Erfolg bilden. Man könnte sie als die heimlichen Helden der industriellen Transformation bezeichnen. Technologien, für die das Herz der Dechema seit 100 Jahren schlägt.

Katalyse: die Kunst der Molekülarchitektur
Nehmen wir die Katalyse. Sie ist der eigentliche Motor der chemischen Stoffumwandlung, ein Prozess, der Reaktionen milliardenfach beschleunigt und oft erst ermöglicht. Was abstrakt klingt, hat monumentale Wirkung. Ohne Katalyse wird es keine grüne Wasserstoffwirtschaft geben, denn sie ist entscheidend für die Elektrolyse zur Erzeugung von Wasserstoff und erst recht für seine Umwandlung in nachhaltige Kraftstoffe und chemische Grundstoffe. Ohne Katalyse wird es keine großskalige Nutzung von CO2 als Rohstoff (CCU) geben, denn Katalysatoren sind der Schlüssel, um das träge CO2-Molekül in wertvolle Produkte zu überführen. Im Grunde ist die Katalyse die Kunst der Molekülarchitektur. Sie ermöglicht es, aus erneuerbaren Rohstoffen und Abfallströmen neue Wertschöpfungsketten zu errichten und die Vision der Kreislaufwirtschaft chemisch real werden zu lassen.
„Der wahre Fortschritt wird von Technologien getragen, die zwar selten im Rampenlicht stehen, aber die entscheidende Grundlage für den Erfolg bilden. Man könnte sie als die heimlichen Helden der industriellen Transformation bezeichnen.”
Querschnittstechnologien: Bindeglieder in den Innovationsketten
Und dieses Prinzip gilt für eine ganze Reihe von Schlüsseltechnologien, die im Zentrum unserer Arbeit bei der Dechema stehen:
Ohne innovative Materialien – von biobasierten Polymeren bis zu Hochleistungskeramiken – werden wir weder eine funktionierende Kreislaufwirtschaft aufbauen noch die Effizienz in Energie- und Produktionsanlagen steigern können.
Ohne die Biotechnologie werden wir die Abkehr von fossilen Rohstoffen nicht schaffen. Sie ist die lebende Fabrik, die es uns ermöglicht, Chemikalien, Materialien und Medikamente nachhaltig und ressourcenschonend herzustellen.
Ohne die Klebtechnik gäbe es keinen ressourcenschonenden Leichtbau in der Automobil- und Luftfahrtindustrie, keine stabilen Rotorblätter für Windkraftanlagen und keine sichere Verbindung von Komponenten in der Mikroelektronik oder in Batteriesystemen.
Ohne moderne Prozesse und Anlagen können wir all die Dinge, die wir für Solarkollektoren, Funktionstextilien, Anstriche oder beliebige Produkte des täglichen Lebens brauchen, nicht herstellen.
Diese Querschnittstechnologien sind die entscheidenden Bindeglieder in den Innovationsketten. Sie sind es, die die Lücken auf dem Weg von der brillanten Idee aus dem Labor zum marktfähigen Produkt schließen.
Innovationskraft: Deutschlands Weg zur Wettbewerbsfähigkeit
Ein innovativer und im globalen Wettbewerb starker Standort Deutschland braucht also beides: die ambitionierten leuchtenden Visionen und das robuste, technologische Fundament. An diesem Fundament arbeiten unsere Mitglieder aus Wissenschaft und Industrie jeden Tag. Denn genau hier, im Maschinenraum des Fortschritts, schlägt das Herz der deutschen Prozessindustrie.
Und es ist unsere gemeinsame Aufgabe, dafür zu sorgen, dass die Bedeutung des technologischen Fortschritts durch die Schlüsseltechnologien erkannt wird. Denn Investitionen in die großen Ziele der Hightech-Agenda laufen ins Leere, wenn das Fundament aus Schlüsseltechnologien nicht mit der gleichen Priorität gefördert und gestärkt wird.

Andreas Förster
Geschäftsführer,
Dechema
Foto: Sven Langer/Dechema











