IGBCE warnt vor Kapazitätsabbau und Verlust von Wertschöpfung
Michael Vassiliadis über Kapazitätsabbau, Innovationen und die Zukunft der deutschen Chemie.
Der IGBCE-Vorsitzender warnt vor einem unkontrollierten Rückbau von Produktionskapazitäten und dem Verlust ganzer Wertschöpfungsketten.

Hohe Energiekosten, Überkapazitäten aus China, eine schwache Nachfrage in Europa sowie geopolitische Unsicherheiten setzen die deutsche Chemieindustrie massiv unter Druck. Michael Vassiliadis, Vorsitzender der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IGBCE), warnt vor einem unkontrollierten Rückbau von Produktionskapazitäten und dem Verlust ganzer Wertschöpfungsketten. Andrea Gruß sprach mit dem Gewerkschaftschef über die Versäumnisse der vergangenen Jahre, die Grenzen der aktuellen Transformationspolitik und darüber, warum Deutschland jetzt pragmatische Reformen und eine neue industriepolitische Strategie braucht.
CHEManager: Herr Vassiliadis, die deutsche Chemieindustrie steht unter massivem Druck. Wie konnte es so weit kommen?
Michael Vassiliadis: Aus meiner Sicht gibt es mehrere Ursachen für die derzeitige fundamentale Krise der Chemieindustrie. Ein zentraler Grund ist der Wegfall wichtiger Standortvorteile. Die deutsche Chemieindustrie konnte über Jahrzehnte auf eine verlässliche Energieversorgung auf Basis von Kohle, Kernenergie und vor allem relativ günstigem Erdgas aus Russland bauen. Diese Energiebasis wurde gemeinsam von Politik, Energiewirtschaft und Industrie gezielt aufgebaut und hat über Jahrzehnte gehalten. Mit ihrem Wegfall ist eine Voraussetzung für die internationale Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Chemieindustrie belastet worden.
Das Zweite, was sich verändert hat, sind die internationalen Märkte. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs boomten die Chemiekapazitäten in China, Russland und in Osteuropa. Auch deutsche Unternehmen investierten vor Ort und profitierten von den Standortvorteilen und der steigenden Nachfrage nach Chemie in China. Doch die Kapazitäten in China wurden Zug um Zug zu Überkapazitäten und die Produkte drängen mit Dumpingpreisen auf den europäischen Markt. Drittens kommt eine schwache europäische Binnennachfrage im B2B-Bereich hinzu. Wenn die Auto- oder Bauindustrie nicht läuft, dämpft dies auch das Wachstum der Chemieindustrie. Allein diese drei strukturellen Herausforderungen würden schon einen hohen Druck auf die Chemieindustrie bewirken. Hinzu kommen zwei weitere Probleme, die wir selbst verursacht haben.
Das ist zum einen die Art und Weise, wie wir die energiepolitische Wende in Deutschland organisiert haben. In den USA sind Wind- und Solarstrom kostengünstig und einfach zu beziehen. Erneuerbare Energien werden von Unternehmen genutzt, weil sie wirtschaftlich attraktiv sind – obwohl das dort derzeit politisch nicht gewollt ist. In Deutschland ist erneuerbarer Strom dagegen aufgrund von Abgaben teuer oder sie bekommen ihn erst gar nicht, zum Beispiel weil Leitungen fehlen. Trotz allem müssen Unternehmen gleichzeitig ihre Entkarbonisierung nachweisen oder es trifft sie ein in dieser Form nur in Europa wirkender CO2-Preis. Das ist der fünfte Grund und in Kombination mit den anderen der endgültige Ausschalter für viele Chemieproduktionen.
Wurden in den vergangenen Jahren Chancen versäumt, um den Strukturwandel in Deutschland besser vorzubereiten?
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