Bioraffinerien: Comeback der europäischen Chemie
Von der Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen hin zu einer strategischen Diversifizierung der Rohstoffe
Harald Dialer, UPM Next Generation Renewables

Die europäische Chemieindustrie steht an einem entscheidenden Wendepunkt. Einst das Rückgrat der europäischen Industriemacht, steht sie heute unter enormem Druck durch strukturell hohe Energiekosten, volatile Rohstoffmärkte, einen sich verschärfenden globalen Wettbewerb und eine Welle von Kapazitätsstilllegungen, wie sie seit Jahrzehnten nicht mehr zu beobachten war. Auf dem Spiel steht nicht nur eine Branche, sondern auch die industrielle Widerstandsfähigkeit, die strategische Autonomie, die politische Einheit und die Führungsrolle Europas im Klimaschutz. Doch inmitten dieser Umbrüche zeichnet sich ein Weg zur Erneuerung immer deutlicher ab: Bioraffinerien.
Die klassische chemische Industrie Europas hat es nicht mehr nur mit einem konjunkturellen Abschwung zu tun. Sie unterliegt einem strukturellen Verfall. Seit 2022 wurde europaweit die Stilllegung von mehr als 10 Mio. t an chemischen Produktionskapazitäten angekündigt. Investitionsentscheidungen fallen zunehmend zugunsten der Vereinigten Staaten, Chinas und des Nahen Ostens aus – Regionen, die wettbewerbsfähige Energie mit einer entschlossenen Industriepolitik verbinden. Der Chemiesektor, einst eine Säule der globalen Führungsrolle Europas, schrumpft, während die Wettbewerber expandieren.
Dies ist nicht nur ein Problem der Branche. Chemikalien bilden die Grundlage für mehr als 90 % aller Industriegüter. Sie sind unverzichtbar für saubere Energietechnologien und kohlenstoffarme Mobilität, für die Dekarbonisierung der Schwerindustrie und die Herstellung nachhaltiger Materialien in Sektoren wie Bauwesen, Textil, Körperpflege, Automobil und Verpackung. Wenn Europa seine chemische Basis verliert, schwächt es sein gesamtes industrielles Ökosystem.
Abhängigkeit von fossilen Rohstoffen beenden
Auf höchster Ebene wurde nun Alarm geschlagen. Die Antwerpener Erklärung, die von Hunderten von Branchenführern unterzeichnet wurde, fordert dringende Maßnahmen, um die sich verschärfende Wettbewerbskrise Europas anzugehen. Die Europäische Kommission hat die „Critical Chemicals Alliance“ ins Leben gerufen, um strategische Wertschöpfungsketten zu sichern. Unabhängige Monitoring-Berichte bestätigen die sich vergrößernde Investitionslücke zwischen Europa und konkurrierenden Regionen.
Es geht nicht mehr darum, ob Europa eine Industriestrategie braucht. Die Frage ist vielmehr, auf welche Stärken es sich dabei stützen will.
Eine Antwort steht fest: Bioraffinerien müssen als strategische industrielle Infrastruktur anerkannt und ausgebaut werden.
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