Recycling kritischer Metalle als strategische Antwort auf Volatilität und Abhängigkeiten
Hady Seyeda, H.C. Starck Group, und Mikael Khan, Wolfmet

Die Versorgung der europäischen Wirtschaft mit kritischen Metallen hat in den letzten Monaten ein kritisches Niveau erreicht. Engpässe bei ubiquitären Materialien wie Wolfram betreffen die gesamte Bandbreite der Industrie – einschließlich zentraler Hochtechnologiesektoren wie Verteidigung, Luft- und Raumfahrt, Strahlenschutz und Fusionsprojekte, die ohne Wolframprodukte nicht realisierbar sind. Gerät dort die Versorgung mit essenziellen Komponenten unter Druck, wirkt sich das auf langfristige Investitionsentscheidungen und Entwicklungsprogramme aus – mit entsprechenden Rückwirkungen auf die gesamte Wertschöpfungskette.
Zur Illustration dieser Problematik bietet sich Wolfram aus zwei Gründen besonders an. Einerseits ist die jüngste Wertentwicklung dieses Schwermetalls, das aufgrund seines hohen Schmelzpunkts von 3.422 °C und seiner außergewöhnlichen Dichte von 19,3 g/cm3 in vielen Anwendungen nicht ersetzt werden kann, beispiellos. Der Preis von Ammoniumparawolframat (APW), der zentralen Handelsform von Wolfram, hat sich in den vergangenen zwölf Monaten verfünffacht – ein Anstieg, der die Edelmetalle Gold und Silber deutlich hinter sich lässt. Ausschlaggebend dafür sind in erster Linie Exportverbote aus China, das rund 80 % der Primärressourcen verarbeitet und seine Dominanz entlang der gesamten Wolfram-Wertschöpfungskette über Jahrzehnte ausgebaut hat.
„Für Europa geht es darum,
eine hinreichende Resilienz im Bereich
kritischer Metalle zu entwickeln."
Andererseits besteht gerade für Wolfram eine seit Jahrzehnten etablierte, verlässlich im industriellen Maßstab betriebene Alternative: Das Recycling wolframhaltiger Schrotte. H. C. Starck Tungsten gewinnt als einer der weltweit führenden Anbieter hochqualitativer Wolframpulver am Stammsitz Goslar rund 80 % der verwendeten Rohstoffe aus eigenem Recycling. Hier besteht die reale Möglichkeit, auch kurzfristig die Abhängigkeit von außereuropäischen Rohstoffimporten erheblich zu verringern.
Echte Resilienz verlangt einen holistischen Ansatz
Der Aufbau echter, strategischer Resilienz verlangt allerdings einen umfassenden Ansatz, der regulatorische und wirtschaftspolitische Faktoren integriert. Dazu gehört auch der Zugang zu Primärrohstoffen, die in gewissem Umfang unersetzlich bleiben.
Entscheidend ist letztendlich nicht, wo Wolfram gewonnen wird, sondern ob Europa über die Fähigkeit verfügt, Prozesse entlang der gesamten Wertschöpfungskette zu kontrollieren – von der Gewinnung über die chemische Weiterverarbeitung bis zur Komponentenfertigung.
Der Zugriff auf Primärrohstoffe lässt sich einerseits durch intelligent gestaltete Handelsabkommen erleichtern. Parallel dazu sollten die Voraussetzungen dafür geschaffen werden, dass Vorkommen in der westlichen Hemisphäre – die durchaus existieren – unter wirtschaftlichen Bedingungen erschlossen werden können. Dazu gehört bspw. eine pragmatische ESG-Regulierung, die bewährte Prozesse und etablierte industrielle Erfahrung anerkennt, statt zusätzliche bürokratische Hürden aufzubauen.

Gesamte Verarbeitungskette betrachten
Hinzu kommt ein weiterer Aspekt: Die Gewinnung des Rohstoffs und dessen chemische und metallurgische Verarbeitung zu leistungsfähigen Pulvern stellen ja nur die ersten Phasen der Wertschöpfungskette dar.
Weil Wolfram bei Raumtemperatur spröde, schwer formbar und konventionell kaum schweißbar ist, folgen insbesondere im Bereich der Hochtechnologiekomponenten weitere, anspruchsvolle Verfahrensschritte wie Pulvermetallurgie, Sintern und Präzisionsbearbeitung. In sicherheitskritischen Anwendungen ist eine begleitende Prozesskontrolle mit Ultraschall- oder Röntgenanalysen unverzichtbar, weil bereits mikroskopische Defekte bspw. bei Fluggeräten zu katastrophalen Folgen führen können.
Vier Prioritäten für Europa
"Das Recycling wolframhaltiger
Schrotte kann die Abhängigkeit
von außereuropäischen Importen
erheblich verringern."
Vor diesem Hintergrund lassen sich für Europa die folgenden Prioritäten beschreiben, wenn es darum geht, eine hinreichende Resilienz im Bereich kritischer Metalle zu entwickeln.
Erstens: Recyclingsysteme sind als strategische industrielle Kompetenz zu begreifen, entsprechend auszubauen und mit den notwendigen Mengen an Sekundärmaterial zu versorgen. Ein naheliegender erster Schritt in diese Richtung würde darin bestehen, geeignete Metallschrotte, die sich in Europa befinden, zwingend hier zu halten. Aktuell werden diese Materialien in großem Umfang exportiert, wobei wiederum China mit dem gezielten, strategischen und subventionierten Erwerb in großem Maßstab eine Rolle spielt. Gezielte Exportbeschränkungen könnten diese Praxis unterbinden.
Ergänzend dazu müssen pragmatische regulatorische Rahmenbedingungen, insbesondere im Bereich ESG, den Umgang mit Sekundärmaterial erleichtern. Ein konkretes Beispiel: Sekundärrohstoffe werden derzeit beim Transport rechtlich nicht als Wertstoffe, sondern als Abfall behandelt, obwohl das Ursprungsprodukt – bspw. ein Werkzeug – im Herstellungsprozess bereits alle relevanten ESG-, Compliance- und Sicherheitsprüfungen durchlaufen hat. Diese Klassifizierung führt zu umfangreichen Anzeige- und Genehmigungsverfahren für jeden Transport, an denen mehrere Behörden in den Abgangs-, Durchgangs- und Bestimmungsstaaten beteiligt sind. Hinzu kommen umfangreiche Dokumentationspflichten sowie Haftungs- und Rücknahmeverpflichtungen des Versenders. All dies behindert den freien Warenfluss und damit die Verfügbarkeit dieser dringend benötigten Sekundärrohstoffe.
Zweitens: Downstream-Fähigkeiten insbesondere im Bereich der Hochtechnologieunternehmen, die kritische Rohstoffe wie Wolfram verarbeiten, müssen systematisch gestärkt werden. Hierfür steht eine große Bandbreite politischer Instrumente zur Verfügung, von Anti-Dumping-Zöllen bis zur gezielten Incentivierung einer Auftragsvergabe an europäische Zulieferer.
Drittens: Industriepolitik und öffentliche Beschaffung sollten deutlich enger verzahnt und langfristig ausgerichtet werden, um auf allen Ebenen – Rohstoffbeschaffung, Recycling und Weiterverarbeitung – ausreichende Planungssicherheit für die notwendigen, sehr umfangreichen und langfristigen Investitionen herzustellen. Hier können Instrumente wie staatliche Förderung und Bürgschaften, aber auch langfristige Abnahmeverpflichtungen öffentlicher Stellen eine Rolle spielen.
Viertens: Wirtschaftliche Rahmenbedingungen sind, statt aus einer europäischen Binnensicht, im globalen Kontext zu betrachten und entsprechend anzupassen. Zentrale Faktoren wie Energiepreise, Lohnkostenbelastung oder Steuerniveau müssen so ausgerichtet werden, dass europäische Unternehmen international wettbewerbsfähig agieren können.
Druck als Chance
Ohne ein rasches, deutliches Umsteuern auf den beschriebenen Handlungsfeldern besteht die Gefahr zunehmender Disruption in kritischen Industrien Europas. Diese Erkenntnis scheint sich zunehmend auch in der Politik durchzusetzen. Es steht daher zu hoffen, dass der aktuelle, offensichtliche und stetig zunehmende Handlungsdruck ein echtes Umdenken bewirkt. Dann besteht nach wie vor eine realistische Chance, langfristige und strategische Kontrolle über kritische industrielle Fähigkeiten innerhalb Europas zu behalten.

Hady Seyeda
Hady Seyeda ist CEO der H. C. Starck Group, die als Spezialist für die Rückgewinnung, Verarbeitung und Analyse strategischer Rohstoffe seit 2024 zur Mitsubishi Materials Group gehört. Die fast 30-jährige Karriere des promovierten Chemikers umfasst Führungspositionen in Forschung, Technik und Operations – auch im Ausland.
Foto: H.C.Starck:

Mikael Khan
Mikael Khan, Managing Director von Wolfmet, verfügt über mehr als 20 Jahre Erfahrung in der Führung und Skalierung globaler Organisationen. Mit seiner umfassenden Expertise in Materialwissenschaften und chemischer Verfahrenstechnik treibt er weltweit die Entwicklung leistungsfähiger Wolframlösungen voran.
Foto: Wolfmet












