CFM ist Nischen-Player und Hidden Champion im Life-Sciences-Markt
Das Leitbild des Familienunternehmen CFM Oskar Tropitzsch ist der ehrbare Kaufmann. Auch heute noch sind Werte wie Partnerschaft, Zuverlässigkeit, Verantwortung und Vertrauen fest in der Firmenphilosophie verankert.
Interview mit Steffen Tropitzsch, CFM Oskar Tropitsch

Das im Fichtelgebirge beheimatete Familienunternehmen CFM Oskar Tropitzsch ist in der Auftragsherstellung und der Beschaffung von speziellen chemischen Substanzen für Kunden in den Life Sciences tätig. „Der ehrbare Kaufmann“ ist seit jeher Leitbild und Vorbild für das 1788 gegründete oberfränkische Unternehmen. Auch heute noch sind Werte wie Partnerschaft, Zuverlässigkeit, Verantwortung und Vertrauen fest in der Firmenphilosophie verankert. CHEManager sprach mit Steffen Tropitzsch, seit 2006 in der Geschäftsleitung und seit 2014 Geschäftsführer von CFM, über die Entwicklung des Traditionsunternehmens vom ehrbaren Kaufmann zum Hidden Champion.
CHEManager: Die Geschichte Ihres Unternehmens auf drei Kernaussagen reduziert könnte lauten: 238 Jahre – 2 Familien – 7 Generationen – von Alchemie zu Life Sciences. Würden Sie diese Geschichte, zumindest was die letzten 20 Jahre betrifft, auf den aktuellen Stand bringen?
Steffen Tropitzsch: Vor 20 Jahren war der Begriff ,Life Sciences‘ in aller Munde. Gleichzeitig wurden Länder wie Indien und China immer interessanter als Beschaffungs- und Vertriebsmärkte. Die Biotech-Branche war noch relativ jung und viele neue Ideen und Technologien waren geboren und wurden verfolgt. Unser Produktportfolio rund um die Fermentationsprodukte wuchs kontinuierlich, vor allem für neuartige Entwicklungen von Krebsmedikamenten. Daneben wurden Phytochemikalien und Dienstleistungen in dem Umfeld mit in das Produktportfolio aufgenommen. Auftragssynthesen von wenigen Kilogramm oder sogar nur Gramm wurden immer öfter in Auftrag gegeben – bewusst mit Partnern in Europa, begründet durch die Komplexität der Synthesen. Die steigenden Anforderungen an die Regulatorik von Excipients und Wirkstoffen führte frühzeitig dazu, dass wir unser QM-System nach GDP, also den Good Distribution Practice Guidelines, aufbauten und 2018 von den Behörden erfolgreich inspiziert wurden. Payloads für Antibody Drug Conjugates, kurz ADCs, erweiterten als letztes das Produktsortiment.
In der Firmengeschichte tauchen interessanterweise sowohl Goethe als auch die NASA auf – natürlich mit rund 150 Jahren Abstand. Gibt es dennoch ein diese lange Zeitspanne verbindendes Element?
„Das Leitbild des ehrbaren Kaufmanns ist aktueller denn je. ”
S. Tropitzsch: Know-how ist das verbindende Element. Als Goethe damals die Labortests in der ,Chemischen‘ durchführte, fand er ein gutes, offenes Unternehmen vor, das ihn bei seinen praktischen Versuchen unterstützte. 150 Jahre später war es das spezielle Wissen für die Herstellung von bestimmten hochreinen Quecksilberverbindungen, was die NASA dazu bewog, deren Tests im Spacelab mit Material aus Marktredwitz durchzuführen.
Sie entwickeln das Traditionsunternehmen im Sinne Ihres Vaters und dessen Vorfahren weiter. Wie lassen sich altmodisch anmutende Werte wie Anstand und Moral mit zunehmend herausfordernden Marktbedingungen wie Konkurrenz- und Kostendruck in Ihrer heutigen Firmenphilosophie in Einklang bringen?
S. Tropitzsch: Das Leitbild des ehrbaren Kaufmanns ist aktueller denn je. Heute verpackt in Code of Conduct, CSR, Nachhaltigkeit und Compliance. Bei global fairem und freiem Handel sind Konkurrenz und Kostendruck Motivator, um besser zu werden. Gesetze und Regularien geben einen Rahmen – und der Rahmen, den wir uns in der EU gegeben haben, ist in vielen Dingen fraglich und in einigen Teilen von Arroganz, Überschätzung und Abschottung geprägt. Jedoch ist es entscheidend, ob sie ihrem Geschäftspartner trauen oder nicht. Dieses Vertrauen basiert am Ende auf persönlichen Beziehungen und dem gemeinsamen Verständnis, etwas Tolles zu schaffen, wovon ein Dritter einen echten Mehrwert hat. Mein Vater pflegte zu sagen: ,Ein Vertrag ist schneller gebrochen, als er geschrieben ist.‘ Und wenn man in einem Vertrag nachlesen muss, wie etwas im Detail geregelt ist, dann liegt oftmals eine ernsthafte Belastungsprobe für die Geschäftsbeziehung vor. Wir sind gut beraten, nicht vom Leitbild des ehrbaren Kaufmanns abzuweichen und lieber ein Geschäft nicht zu machen. Langfristig ist dies immer die richtige Entscheidung.
Die Verknüpfung von Tradition und Modernität hat mit Wandel und Erneuerung zu tun. Transformation und Innovation sind also für CFM nichts Neues. Was waren die wichtigsten Meilensteine in der jüngeren Firmengeschichte, um CFM hinsichtlich Portfolio und Marktpräsenz modern aufzustellen?
S. Tropitzsch: Dahingehend gibt es drei wichtige Meilensteine. Der erste Meilenstein war die Erweiterung des Produktportfolios um Small Molecules. Viele davon sind Fermentationsprodukte. Dies hat uns die Möglichkeit gegeben, eine Vielzahl an Unternehmen bei deren Entwicklung von neuesten Onkologiepräparaten zu unterstützen. Diese Expertise im Projektgeschäft konnten wir nutzen, um den Bereich der Kundensynthesen für Wirkstoffe in Kleinstmengen zu entwickeln und auszubauen. Der dritte Meilenstein war die erfolgreiche GDP-Inspektion durch unsere Aufsichtsbehörde. Es ist ein klares Commitment an die Standards unserer Branche und unsere Kunden wissen dadurch, dass eine vertrauensvolle und sichere Zusammenarbeit gewährleistet ist.

Viele Segmente, in denen CFM aktiv ist – Toxine, Phytochemikalien oder Fermentationsprodukte – könnte man als Nischen bezeichnen. Was macht diese Nischen für Sie attraktiv und wie beurteilen Sie die Wachstumsperspektiven?
S. Tropitzsch: Es ist die Nische, die die Wachstumsperspektive gibt. Auf der einen Seite sind es die komplexen Lösungsansätze, um neuartige Wirkstoffe umsetzen zu können. Im Bereich der ADCs versteht man zum Beispiel verschiedene Wirkmechanismen nach und nach besser und kann dann gezielter mit entsprechenden neuartigen Substanzen agieren. Auf der anderen Seite steigen die regulatorischen Anforderungen für bestehende Wirkstoffe. Hier müssen oftmals neue Wege in der Synthese beschritten werden, weil die Anforderungen an die Analytik gewachsen sind und eine Neuzulassung mit dem bestehenden Dossier nicht möglich ist.
Toxine, also Gifte, stehen im besonderen Fokus der Pharmaforschung, um für Krankheiten wie Alzheimer, Parkinson oder Epilepsie Medikamente zu entwickeln. Woher beziehen Sie diese Substanzen und wie anspruchsvoll ist deren Handhabung?
S. Tropitzsch: Wir beziehen diese Substanzen global. Bei der Auswahl unserer Lieferanten sind die Kriterien Qualität, Kompetenz des Lieferanten in der Chemie und Zuverlässigkeit die wichtigsten Parameter. Der Preis muss stimmen, ist aber nicht die erste Prämisse. Die Handhabung der Substanzen ist nicht trivial. Neben der ,einfachen‘ Logistik sind es die unterschiedlichsten Regularien, Dual Use, Exportbeschränkungen der EU und Deutschlands. Wir prüfen aber auch, ob unser Lieferant die Substanzen exportieren darf. Hinzu kommen die Gefahrgut- und Terrorismusverordnung, das Arzneimittelgesetz AMG, die Außenwirtschaftsverordnung; bei Pflanzen oder Substanzen tierischen Ursprungs sind es Artenschutzbestimmungen und bei Wirkstoffen nochmals einige zusätzliche Prüfungen, die obendrauf kommen.
Anhand der Vielzahl an Regularien erkennt man leicht, wie aufwändig die Handhabung ist und welche Anforderungen hier an das Team gestellt werden und dass alles ohne ein gutes, feinfühliges Zusammenwirken der Personen im Team nicht funktionieren würde.
Wirkstoffe und Inhaltsstoffe von Heilpflanzen sind als Rohmaterial für Pharmazeutika, Nutrazeutika und Kosmetika zunehmend interessant. Wie entwickelt sich dieser Bereich?
S. Tropitzsch: Die Potenziale von Heilpflanzen und Rohdrogen sind bekannt. Jedoch war die Umsetzung der regulatorischen Anforderungen sehr komplex. Die Traditionelle Chinesische Medizin nutzt das große Potenzial der Pflanzen seit Jahrhunderten und hilft bei der Linderung oder Heilung vieler Krankheiten.










