Kunststoffe für die Hightech-Agenda
Autorin: Christine Bunte, Hauptgeschäftsführerin, Plastics Europe Deutschland

Warum in Deutschland eine neue Innovationsdebatte notwendig ist.
Deutschland diskutiert derzeit intensiv über Wettbewerbsfähigkeit, Resilienz, Digitalisierung und Klimaschutz. Herausforderungen, die nur mit einer starken Industrie und zukunftsweisenden Grundstoffen zu lösen sind. Gleichzeitig erleben wir, wie industrielle Produktion zurückgeht, Investitionen ins Ausland abwandern und ganze Wertschöpfungsketten unter Druck geraten. Für viele Unternehmen stellt sich längst nicht mehr die Frage, ob sie sich transformieren müssen, sondern ob diese Transformation künftig noch in Deutschland stattfindet.
Gerade deshalb braucht unser Land eine neue Innovationsdebatte. Eine Debatte, die fragt, in welchen Zukunftsbereichen Deutschland die größten Chancen im immer schärferen globalen Standortwettbewerb hat und worauf wir uns fokussieren müssen. Aufs Engste verbunden damit ist die Frage, welche Technologien, Werkstoffe und industriellen Kompetenzen wir dafür benötigen.
Deutschland verfügt weiterhin über hervorragende Voraussetzungen, um bei Innovationen weiter vorne mitzuspielen: exzellente Universitäten, eine leistungsfähige Forschungslandschaft und – was uns einzigartig macht – eine besonders enge Kooperation zwischen Wissenschaft und Wirtschaft. Hinzu kommt die hohe Kompetenz in vielen Schlüsseldisziplinen. In der Produktions- und Anwendungstechnik etwa, im Maschinen- und Anlagenbau, in der Mess- und Regeltechnik. Unsere Ingenieure sind weltweit spitze. Und die Chemie- und Kunststoffindustrie mit ihrem großen Know-how stellt die Werkstoffe dafür bereit.
Was uns fehlt, ist etwas anderes: Wir machen zu selten aus Ideen industrielle Realität. Genau dieser Schritt – von der Erkenntnis zur Produktion im industriellen Maßstab – entscheidet darüber, ob Deutschland Hightech-Standort bleibt. Um diese und andere Kernfragen zu diskutieren, hat Plastics Europe Deutschland für den 11. September zu einer Innovationskonferenz in Berlin eingeladen. Drei Überzeugungen liegen dem zugrunde.
Wir machen zu selten aus Ideen industrielle Realität.
Erstens:
von der Materialmenge zur Materialkompetenz
Industrielle Stärke wurde lange über Prozesseffizienz und Produktionsmengen definiert. Für die Zukunft wird etwas anderes entscheidend sein. Deutschland wird kaum je wieder der günstigste Produktionsstandort der Welt werden. Aber wir können der Standort sein, an dem die Materialien entwickelt werden, die andere nicht herstellen können.
Das bedeutet nicht weniger Industrie. Es bedeutet, industrielle Kompetenz neu zu denken: unsere wissenschaftliche und technologische Stärke in Innovationen zu übersetzen, die zum Stärkenprofil von Deutschland passen und sich im Markt behaupten.
Aber Achtung: Deutschland wird zwar nie über den niedrigsten Preis konkurrieren. Dennoch dürfen wir die Kostenbelastung nicht so weit treiben, dass aus deutschen Innovationen ausländische Wertschöpfung wird. Das Ziel „Klasse statt Masse“ entlastet die Politik nicht von der Verantwortung, die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts hinsichtlich Energie- und Rohstoffkosten, Abgaben und Bürokratie drastisch zu verbessern.
Zweitens:
unser Innovationsökosystem ist der eigentliche Wettbewerbsvorteil
Der Rest der Welt macht ebenfalls Hightech – und tut es an vielen Stellen schneller. Was uns unterscheidet, ist nicht ein einzelnes Unternehmen und nicht eine einzelne Technologie, sondern das Zusammenspiel. Deutschland ist das europäische Land mit der größten Dichte an Kunststoffproduktion, -verarbeitung und Maschinenbau, ergänzt um eine Forschungslandschaft von Weltrang.
Dieses Netzwerk ist schwer zu kopieren. Aber es wirkt nur, wenn wir es als Team begreifen. Wird eine Anlage für eine Basischemikalie unwirtschaftlich, verändert das die Ökonomie aller angeschlossenen Anlagen im Verbund. Industrielle Netzwerke brauchen jedes ihrer Teile.
Ohne Kunststoffe als unsichtbare Helfer wird die Hightech-Agenda nicht Wirklichkeit.
Drittens:
die Hightech-Agenda ist im Kern eine Materialfrage
Erneuerbare Energien, Kreislaufwirtschaft, Industrie 4.0 und KI, Medizintechnik, neue Mobilität, Sicherheits- und Resilienztechnologien, die Stadt der Zukunft – die Hightech Agenda der Bundesregierung nennt viele Zukunftsfelder, auf die Deutschland sich fokussieren muss, damit hier die Wertschöpfung von morgen entsteht.
Eines müssen wir uns dabei vor Augen führen: Ohne Kunststoffe als unsichtbare Helfer wird diese Agenda nicht Wirklichkeit. Niemand bewundert die Isolationsmaterialien eines Stromnetzes. Niemand fotografiert die Polymerfolie in einem Solarmodul. Und doch würde ohne sie keine dieser Technologien funktionieren. Nachhaltigkeit, Energiewende und Rohstoffsouveränität hängen an Materialinnovationen – auch dann, wenn in der öffentlichen Debatte selten darüber gesprochen wird.
Deshalb begleiten wir die Innovationskonferenz mit einer eigenen Podcast-Serie. In „Der Stoff, aus dem Hightech ist“ sprechen die Hosts Mateusz Wielopolski und John Sewell mit Innovatoren aus der deutschen Polymerindustrie – über konkrete Werkstofffragen, über Skalierung, über Geschäftsmodelle und darüber, woran Vorhaben in der Praxis scheitern.
Die eigentliche Frage für die Zukunft lautet nicht: Brauchen wir Kunststoffe?
Sondern: Wie nutzen wir Kunststoffe künftig klimaneutral, zirkulär und innovativ, um die großen Zukunftsaufgaben Deutschlands zu lösen? Genau darüber sprechen wir am 11. September in Berlin.

Christine Bunte
Christine Bunte hat am 1. Januar 2025 die Leitung des Kunststofferzeugerverbands Plastics Europe Deutschland übernommen. Bunte leitete zuvor das Corporate Advocacy Team der BASF und verantwortete die Kreislaufwirtschafts- und Umweltpolitik des Unternehmens. Nach ihrem Chemiestudium an der Universität Bielefeld und der Promotion an der Universität Freiburg begann sie ihre berufliche Laufbahn 2012 in der Materialforschung bei BASF. Ab 2015 sammelte sie Erfahrungen in der politischen Interessenvertretung zu Kreislaufwirtschaft, Umwelt-, Chemie- und Industriepolitik auf nationaler und europäischer Ebene, die sie nun auf Verbandsebene nutzt.
Dieser Beitrag ist in CHEManager 7/2026 erschienen.
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