Das unterschätzte Herzstück der Industrie
Stehen Steamcracker in Deutschland vor einer ungewissen Zukunft?
Autor: Jörg Wetterau, Labor für Kommunikation

Steamcracker sind systemrelevant für die deutsche Chemieindustrie – ähnlich wie Hochöfen für die Stahlindustrie. Ohne Steamcracker keine Olefine. Ohne Olefine keine Kunststoffe, Tenside, Lacke oder Pharmavorprodukte. Und ohne diese Basischemikalien würde ein wesentlicher Teil der industriellen Wertschöpfung in Deutschland ins Stocken geraten. Es gibt momentan zwar keinen akuten physischen Mangel an Steamcrackern in Deutschland, aber sehr wohl einen strukturellen Engpass bei der Wettbewerbsfähigkeit dieser für die Basischemie so wichtigen Schlüsselanlagen. Die zentrale Frage ist, ob Deutschland diese Schlüsseltechnologie langfristig modernisieren und wirtschaftlich betreiben kann.
Steamcracker gehören zu den größten und aufwändigsten Produktionsanlagen der chemischen Industrie. Sie gelten als Herz der Petrochemie. Wenn ein Steamcracker ausfällt, betrifft dies hunderte nachgeschaltete Produktionsanlagen. Die für 2027 vorgesehene Stilllegung des Steamcrackers von Dow im Chemiepark Böhlen liefert einen Vorgeschmack darauf, welche weitreichenden Konsequenzen der Wegfall eines Steamcrackers sowohl für den Standort selbst, als auch für die Chemieindustrie hat. Sollten weitere Steamcracker stillgelegt oder nicht modernisiert werden, hätte dies weitreichende Folgen für die deutsche Wirtschaft. Abgesehen vom Verlust industrieller Wertschöpfung und der Schwächung zahlreicher Industrien, könnte die Abhängigkeit von Importen aus USA, Nahost und Asien weiter steigen. Es gäbe höhere Preise und längere Lieferketten.
Der Steamcracker-„Markt“ in Europa ist in Bewegung. Laut Informationen des Verbands der Chemischen Industrie (VCI) wurde in den letzten Jahren die Schließung von neun der derzeit noch 40 Steamcrackern in Europa (inkl. UK und Türkei) beschlossen und teils bereits umgesetzt – also knapp ein Viertel. In Deutschland sind derzeit noch elf Steamcracker in Betrieb. Die europäische Produktion befindet sich einer aktuellen Steamcracker-Studie der Dechema (Quelle: 2026_10+Trilateral+Chemical+Region.pdf) zufolge in einer schweren Krise: Seit 2019 laufen die europäischen Steamcracker deutlich unter ihrer wirtschaftlich notwendigen Auslastung. Besonders nach der Energiekrise infolge des Ukraine-Krieges sind Produktion und Auslastung u. a. aufgrund der schwachen Nachfrage aus der Automobil- und Bauindustrie und der globalen Überkapazitäten stark zurückgegangen. Die durchschnittliche Auslastung europäischer Steamcracker sank von 83 % (2019) auf nur noch 71 % (2024), so die Angabe der Dechema in dem Positionspapier vom Mai 2026.
Chemieindustrie hängt am Steamcracker-Tropf
Doch wofür genau benötigt die Chemieindustrie diese Anlagen? Steamcracken, also Dampfspalten, spielt eine zentrale Rolle bei der Herstellung von Basischemikalien. In den riesigen Produktionsanlagen wird Rohbenzin (Naphtha), das aus langen Kohlenwasserstoffketten besteht, aufgespalten bzw. gecrackt. Dabei entstehen kürzere Moleküle als Grundbausteine für weitere Produkte. Das Verfahren besteht aus mehreren Schritten: Naphtha wird mit Wasserdampf vermischt und verdampft. Anschließend wird es in den Steamcrackern auf etwa 850°C erhitzt. Dabei zerfällt das Naphtha in kleinere Bausteine. Im Anschluss werden die in dem entstandenen Gemisch enthaltenen Produkte durch Destillation weiter voneinander getrennt. Dabei entstehen Grundstoffe wie Ethylen, Propylen, Butadien, Pyrolysebenzin und Wasserstoff. Daraus wiederum entstehen unterschiedlichste Produkte wie Kunststoffe, Lacke, Farben, Wasch- und Reinigungsmittel, Arzneimittel, Pflanzenschutzmittel, Textilfasern, Verpackungen sowie Automobil- und Elektronikkomponenten.
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