09.09.2026 • Themen

Kunststoffe zwischen Schlüsseltechnologie und Umweltsünder

Interview mit Michael Reubold, CHEManager

Michael Reubold, Chefredakteur, CHEManager
Michael Reubold, Chefredakteur, CHEManager
© CHEManager

In der Podcast-Serie „Der Stoff, aus dem Hightech ist“ von Plastic. Climate. Future. und dem Verband Plastics Europe Deutschland geht es um Kunststoffe als Schlüssel für die in der der Hightech-Agenda der Bundesregierung formulierten Innovationsziele. In einer der Podcast-Folgen diskutieren die Hosts Mateusz Wielopolski und John Sewell mit CHEManager-Chefredakteur Michael Reubold über die aktuellen Herausforderungen der Kunststoffindustrie, damit die Branche ihrer Rolle als Problemlöser und Fortschrittsmotor gerecht werden kann.

Plastic. Climate. Future.: In der öffentlichen Debatte werden Kunststoffe häufig auf das Thema Abfall beziehungsweise Umwelt reduziert. Warum hat es diese Branche so schlecht verstanden, ihre eigene Geschichte zu erzählen?

Michael Reubold: Dem würde ich so nicht zustimmen. Die Branche hat über ihre Unternehmen und Verbände in den vergangenen Jahrzehnten zahlreiche Anstrengungen unternommen, um die Vorteile von Kunststoffen glaubwürdig zu vermitteln. Vielleicht hat sie nicht immer die richtigen Kanäle und Mittel genutzt, um ihre Botschaften einer breiteren Öffentlichkeit nahezubringen. Meiner Meinung nach liegt das Problem aber weniger beim Absender als vielmehr bei den Empfängern – also bei uns, der Öffentlichkeit. Und wie Sie wissen: Schlechte Nachrichten verbreiten sich schneller und bleiben länger im Gedächtnis als gute. Daher überrascht es mich nicht, dass das öffentliche Bild von Kunststoffen höchst ambivalent ist. Die meisten Menschen erkennen Kunststoffe als unverzichtbare Materialien an, die das moderne Leben sicherer, bequemer und erschwinglicher machen, verbinden sie zugleich aber mit Abfall und Umweltverschmutzung.

Ist der neue Rahmen, den Plastics Europe mit der Innovationskonferenz gewählt hat – Kunststoffe als unsichtbare Schlüsseltechnologie darzustellen – glaubwürdig?

M. Reubold: Ja! Kunststoffe sind eine Schlüsseltechnologie, daran besteht kein Zweifel. Manchmal ist das Material sehr sichtbar, etwa bei Verpackungen, manchmal nicht. Doch Polymerwerkstoffe prägen unsere moderne Welt, und ein kunststofffreies Leben ist eine Illusion. Tatsache ist: Kunststoffe werden bleiben und sie werden dringend benötigt, beispielsweise um die Ziele der Hightech-Agenda zu erreichen. Und wenn sie verantwortungsvoll und sachgerecht eingesetzt und wiederverwendet werden, sind sie für Gesellschaft und Umwelt von Nutzen. Vom Gesundheitswesen bis zur Kommunikation, vom Bauwesen bis zur Mobilität: Kunststoffe ermöglichen Fortschritt.

Sie haben einige der anderen Podcast-Folgen gehört. Was hat Sie überrascht?

Die meisten Menschen erkennen Kunststoffe als unverzichtbare Materialien an.

M. Reubold: Die Folgen, die ich bislang gehört habe, lassen sich schwer vergleichen, da die Gäste unterschiedliche Hintergründe haben. Was mir aber aufgefallen ist, ist das Engagement und die Motivation der Gesprächspartner, die Kunststoffindustrie in Deutschland und Europa neu zu beleben – sei es durch Information und Bildung, durch Innovation oder durch Partnerschaften und Initiativen entlang der Wertschöpfungskette. Es ist bekannt, dass die Branche mit hohen Energie- und Rohstoffkosten, rückläufiger Nachfrage, sinkender Wettbewerbsfähigkeit sowie zunehmender Regulierung und Bürokratie zu kämpfen hat. Andererseits gibt es ermutigende Initiativen und Projekte, die einige dieser Herausforderungen angehen: Investitionen in neue Produktionsanlagen für innovative und nachhaltige Materialien oder in Recyclinganlagen für Kunststoffabfälle, um den Stoffkreislauf zu schließen.

Worin sich all diese Experten einig sind: Die Branche muss Innovation stärker betonen, um sich gegenüber kostengünstigen Massenkunststoffherstellern in Asien und im Nahen Osten Wettbewerbsvorteile zu verschaffen. Für jedes Kunststoffunternehmen ist es daher entscheidend, nicht nur selbst in Forschung und Entwicklung zu investieren, sondern auch Teil eines Innovationsökosystems zu werden, das unterschiedliche Kompetenzen entlang der Wertschöpfungskette zusammenführt. Zusammenarbeit ist der Schlüssel, um die Materialentwicklung zu beschleunigen, die Produktion zu skalieren und Innovationen schneller in marktfähige Anwendungen zu überführen.

Wie kann man diesen Prozess beschleunigen?

Politische Entscheidungs­träger müssen in Wertschöpfungsketten denken – nicht in isolierten Industriesektoren.

M. Reubold: Deutschland und Europa sind gut aufgestellt, um ein solches Innovationsökosystem zu schaffen: mit hervorragenden akademischen Einrichtungen, gut ausgebildeten Wissenschaftlern und Ingenieuren, Industrieparks und Clustern, einer Industrie mit Unternehmen jeder Größe – vom Mittelstand bis zu globalen Konzernen – sowie Forschungsorganisationen, die den Wissenstransfer zwischen diesen Ökosystempartnern organisieren.

Insbesondere die Folge mit Jürgen Stebani von Polymaterials ist mir im Gedächtnis geblieben. Darin erläutert auch er, dass es in Deutschland nicht an Ideen mangelt, sondern meistens entweder an der Geschwindigkeit oder an dem Ökosystem, sie ökonomisch umsetzbar zu machen. Der Schlüssel wird darin liegen, dass wir es schaffen, neue Innovationsprozessketten mit den eben genannten Akteuren aufzubauen. Und dass es eine verlässliche Gesetzgebung gibt, die Innovationen fördert und nicht bremst. Klarheit in der Entscheidung und Offenheit für neue Themen sind nach seiner Einschätzuung die wichtigsten Voraussetzungen.

Diese Reihe mündet in eine Innovationskonferenz in Berlin und richtet sich an ein politisches Publikum. Wenn politische Entscheidungsträger aus all diesen Gesprächen nur eine Botschaft mitnehmen sollten: Welche wäre das?

M. Reubold: Viele politische Entscheidungsträger oder ihre Berater verstehen die Bedeutung der Kunststoff­industrie als Materialentwickler und -lieferant für die Lösung der drängendsten Probleme, vor denen wir stehen – etwa Klimawandel und Ressourcenknappheit. Die Konferenz, die sich auf die Hightech-Agenda der Bundesregierung konzentriert, wird diese Botschaft unterstreichen.

Die wichtigste Botschaft ist aus meiner Sicht das Bekenntnis der Branche, Verantwortung zu übernehmen und eine zirkuläre Kunststoffwirtschaft aufzubauen, die zwei Ziele erfüllt: Kunststoffabfälle zu vermeiden und unabhängiger von Rohstoffimporten zu werden. Das könnte die nächste industrielle Revolution sein – und Europa könnte hier eine Vorreiterrolle übernehmen.

Politische Entscheidungsträger müssen in Wertschöpfungsketten oder sogar Wertschöpfungsnetzwerken denken – nicht in isolierten Industriesektoren. Wir brauchen in Europa eine industriefreundliche Politik. Ohne eine starke, innovative und wettbewerbsfähige Industrie ist alles nichts. Ohne die Industrie würden die Sozialsysteme, das Gesundheitswesen, die Infrastruktur, das Energiesystem, der Arbeitsmarkt und die soziale Gerechtigkeit in Europa zusammenbrechen. Die ersten Anzeichen sind bereits erkennbar, und sie sollten für uns alle, insbesondere aber für die politischen Entscheidungsträger, ein Weckruf sein.

Plastic. Climate. Future.

Ein Podcast von Mateusz Wielopolski und John Sewell über Materialinnovation, Kreislaufwirtschaft und die Menschen, die daran arbeiten.

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