09.09.2026 • Themen

Kunststoff als Innovationstreiber

Autor: Thorsten Dreier, CTO, Covestro

Thorsten Dreier, CTO, Covestro
Thorsten Dreier, CTO, Covestro
© Covestro

In der Debatte über Deutschlands Zukunft als Wirtschaftsstandort fällt ein Begriff eher selten: Kunststoff. Dabei ist kaum ein Material so eng mit den Technologien verknüpft, auf die das Land jetzt setzt. Die Hightech-Agenda der Bundesregierung baut in weiten Teilen auf leistungsfähige Polymere – für nachhaltige Mobilität, Gesundheit, klimaneutrale Energie, Robotik, Sicherheit und viele andere Schlüsselbereiche.

Aber die Kunststoffindustrie ist nicht nur über ihre Produkte und Lösungen ein bedeutender Innovationsmotor. Sie wirkt auch in anderer Hinsicht an der Gestaltung einer fortschrittlichen, nachhaltigen Welt von morgen mit: als Treiber von Zukunftsthemen wie künstlicher Intelligenz und Kreislaufwirtschaft. Beide Richtungen machen unsere Branche zu einem strategischen Aktivposten im Innovationsökosystem.

Kunststoff als Enabler der Hightech-Agenda

Der Beitrag von fortschrittlichen Kunststoffen wird besonders in der Mobilität deutlich. Autonomes Fahren braucht Sensoren, Kameras und Radarsysteme, die direkt in Karosserieteile integriert sind – ohne Funksignale zu blockieren. Das können nur transparente Hochleistungspolymere leisten. Gleichzeitig wird das Fahrzeug zum vernetzten Lebensraum: mit integrierten Displays, individualisierbaren Oberflächen, leichten Strukturbauteilen, die Reichweite und Effizienz verbessern. Und mit der Urban Air Mobility entsteht ein völlig neues Segment – Frachtdrohnen und Flugtaxis, die ohne ultraleichte, hochfeste Kunststoffe schlicht nicht abheben würden.

Ähnlich grundlegend ist die Rolle von Kunststoffen im Gesundheitswesen. Hier verschiebt sich die Versorgung zunehmend aus der Klinik in den Alltag. Wearables und mobile Monitore übernehmen Diagnostikaufgaben, die früher stationäre Geräte erforderten. Damit ein Sensor rund um die Uhr am Körper getragen werden kann, muss er hautverträglich, flexibel und robust zugleich sein – eine Kombination, die dehnbare Folien aus Polyurethan ermöglichen. Von Covestro kommen zudem spezielle Polycarbonate für einen mobilen Herzmonitor, der Vitaldaten in Echtzeit überträgt, ohne dass Patienten eine Klinik aufsuchen müssen.

Auch in der Robotik – einem Feld, in dem Deutschland mit 449 Industrierobotern je 10.000 Beschäftigte im verarbeitenden Gewerbe bereits die höchste Dichte Europas hat – entscheidet das Material über Leistung und Einsatzbreite. Polycarbonat-Bauteile sind bis zu 50 % leichter als Metallteile bei gleicher Schlagfestigkeit. Weniger Masse bedeutet mehr Tempo, mehr Präzision, längere Laufzeit. Flexible Kunststofffolien als Substrat für elektronische Haut geben Greifern ein feines Tastempfinden. Soft-Touch-Oberflächen machen Maschinen sicher im direkten Kontakt mit Menschen – und öffnen die Automatisierung für Pflege und Haushalt.

Die Hightech-Agenda der Bundesregierung baut in weiten Teilen auf leistungs­fähige Polymere.

Kunststoff als Treiber von Zukunftsthemen

Robotik ist aber nicht nur ein Anwendungsfeld für unsere Produkte – sie verändert auch unsere eigene Produktion. Und damit sind wir bei der zweiten Innovationsrichtung, die aus meiner Sicht als CTO besonders spannend ist: Die Kunststoffindustrie ist selbst ein zunehmend intensiver Nutzer der Technologien, die die Hightech-Agenda vorantreiben will.

Künstliche Intelligenz und Quantencomputing z. B. erschließen der Materialforschung völlig neue Dimensionen. Wir können damit Materialeigenschaften simulieren, bevor ein einziges Gramm Rohstoff eingesetzt wird. Wir können Molekülstrukturen gezielt optimieren, Synthesewege verkürzen, Testzyklen drastisch reduzieren. Was früher Jahre dauerte, gelingt heute in Monaten. Das beschleunigt nicht nur unsere eigene Entwicklung – es macht uns zu einem schnelleren Partner für alle Industrien, die auf neue Materialien warten.

In der Produktion sorgt KI dafür, dass Anlagen zuverlässiger laufen und Ressourcen effizienter eingesetzt werden: Systeme erkennen drohende Störungen, bevor sie auftreten, und ermöglichen so geplante Wartung statt ungeplanter Stillstände – mit erheblichem wirtschaftlichem Nutzen. Und wo bislang aufwendige Labormessungen nötig waren, um die Qualität eines Produkts während des laufenden Betriebs zu prüfen, übernehmen jetzt lernende Algorithmen diese Aufgabe in Echtzeit – schneller, präziser und mit deutlich weniger Materialverlust.

Neben KI prägt ein zweites Thema die Transformation der Branche von innen: die Kreislaufwirtschaft. Kunststoffe werden zunehmend so konzipiert, dass sie nach ihrer Nutzungszeit bestmöglich wiederverwertet werden können – durch chemisches Recycling, den Einsatz pflanzlicher Biomasse als Rohstoff oder Materialdesign für die Wiederverwertung von Anfang an. Das verbessert nicht nur den eigenen CO2-Fußabdruck unserer Industrie, sondern auch die Umweltbilanz all jener Sektoren, die auf hochwertige Kunststoffe angewiesen sind. Nachhaltigkeit ist für uns kein Zusatzthema – sie ist ein Innovationsfeld.

Nachhaltigkeit ist für uns kein Zusatzthema – sie ist ein Innovationsfeld.

Ohne starke Industrie keine Innovation

Produktion und Produkte – diese Doppelrolle macht die Kunststoffindustrie zu einem Hebel, der in der Innovationspolitik nicht zu unterschätzen ist. Wer Technologieführerschaft will, muss die Wertschöpfungsketten sichern, die sie tragen – und das schließt die Materialindustrie ausdrücklich ein.

Dafür braucht es aber auch verlässliche Rahmenbedingungen: wettbewerbsfähige Energiekosten, weniger Bürokratie, schnellere Genehmigungsverfahren. Im Moment ist das Gegenteil der Fall. Die Kunststoffindustrie verliert Produktion ins Ausland, Betriebe schließen. Das gefährdet nicht nur unsere Branche – es gefährdet die industrielle Basis, auf der die gesamte Hightech-Agenda aufbaut.

Deutschland hat die Fähigkeiten, die Forschung und die Unternehmen, um bei den Technologien von morgen vorne mitzuspielen. Die Kunststoffindustrie steht bereit, ihren Teil dazu beizutragen – als Enabler und als Innovator.

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Thorsten Dreier

Thorsten Dreier ist seit 2023 Technologievorstand und Arbeitsdirektor von Covestro. Er verantwortet die Unternehmensfunktionen Engineering, Process Technology, Group Health, Safety, Environment & Reliability sowie Group Procurement. Zudem liegt das Berichtssegment Performance Materials in seinem Verantwortungsbereich. Dreier studierte Chemie und promovierte an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Seine berufliche Laufbahn begann er 2002 im Bayer-Konzern, wo er ab 2007 Führungspositionen im Bereich Polyurethanes bei Bayer Material Science innehatte. Nach der Ausgründung von Covestro 2015 bis zu seiner Bestellung in den Konzernvorstand trug er Verantwortung für weitere Geschäftseinheiten, u.a. Coatings Adhesives & Specialties.

Dieser Beitrag ist in CHEManager 7/2026 erschienen.

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