Endspiel für Europas Chemie
Die europäische Chemieindustrie steckt in einer tiefen strukturellen Krise. Es handelt sich nicht um eine vorübergehende Schwächephase, sondern um einen fundamentalen Umbruch.
Michael Timm und Frank Jenner, beide Alvarez & Marsal Deutschland GmbH

Die Krise in der deutschen Industrie ist längst Realität – und sie trifft nun auch Chemie und Pharma mit voller Wucht. Im Geschäftsjahr 2025 sank die Produktion um 2,5 %, der Umsatz sogar um 3,0 %. Die Produktionsanlagen sind nur noch zu 70 % ausgelastet – ein historischer Tiefpunkt. In den kommenden Jahren könnten bis zu 20 % der Kapazitäten in einzelnen Wertschöpfungsketten vom Markt genommen werden.
Drei strukturelle Faktoren sind maßgeblich verantwortlich: eine sinkende Nachfrage, Kostennachteile gegenüber globalen Wettbewerbern und erhebliche Überkapazitäten in China, den USA und Indien, die zunehmend auf den Weltmarkt drängen. Unklarheiten über künftige Zollbarrieren verschärfen die Situation zusätzlich.
Anlagenstilllegungen und Kapazitätsabbau auf Rekordniveau
Die aktuellen Entwicklungen sind Ausdruck einer strukturellen Krise. Unternehmen müssen ihre Portfolios konsequent an die neuen Marktbedingungen anpassen. Die Branche befindet sich bereits mitten in diesem Anpassungsprozess. Dow hat die Schließung eines Chlor-Alkali-Werks in Schkopau angekündigt, Huntsman beendet die Produktion von Maleinsäureanhydrid in Moers, LyondellBasell schließt sein Werk im niederländischen Maasvlakte, und Bayer stellt die Herbizidproduktion in Frankfurt ein. Zahlreiche weitere Standortentscheidungen wurden in den vergangenen Monaten verkündet. Allein 2023 und 2024 wurden rund 11 Mio. t Kapazität stillgelegt; weitere 20 Mio. t – vor allem bei Aromaten, Olefinen und Polymeren – könnten in den kommenden drei bis fünf Jahren folgen. Seit 2022 sind die Produktionsvolumina um etwa 30 Mio. t/a zurückgegangen. Damit erreicht der Kapazitätsabbau eine Dimension, die selbst im historischen Kontext der Branche beispiellos ist.
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