13.03.2026 • News

Chemieverband beklagt Schneckentempo bei Reformen

Auch im 4. Quartal 2025 blieb die Lage der deutschen Chemie- und Pharmaindustrie angespannt. Trotz einer leichten Erholung bei einigen Industriekunden am Jahresende setzte sich in der Chemie die Talfahrt fort: Produktion, Preise und Umsatz waren erneut rückläufig. Die Bilanz der Pharmaindustrie war positiv, doch auch im Pharmabereich nehmen die Sorgen zu. Eine rasche Besserung der wirtschaftlichen Lage ist nicht in Sicht. Zudem sorgt der Irankrieg für weitere Risiken.

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Die Kapazitätsauslastung der Produktionsanlagen liegt seit vier Jahren ununterbrochen unter der Rentabilitätsschwelle.
© VCI

Die Lage der deutschen Chemie- und Pharmaindustrie bleibt angespannt. Trotz einer leichten Erholung am Jahresende setzte sich in der Chemie die Talfahrt bei Produktion, Preisen und Umsatz fort. Die Kapazitätsauslastung liegt mit nur ca. 72,5 % bei vielen Produktionsanlagen weiterhin deutlich unter der Rentabilitätsschwelle. Die Bilanz der Pharmaindustrie war zwar positiv, doch auch im Pharmabereich nehmen die Sorgen zu.

Die Branche leidet insgesamt unter einer schwachen Industriekonjunktur, hohem Importdruck und einem intensiven Preiswettbewerb. Eine rasche Besserung der wirtschaftlichen Lage in der deutschen Chemie ist laut dem Verband der Chemischen Industrie (VCI) nicht in Sicht. Die Entlastungsmaßnahmen der Bundesregierung sind noch nicht an den Werkstoren angekommen und gleichen strukturelle Standortnachteile nicht aus. Zudem sorgt der Irankrieg für weitere Risiken durch die Blockade der Straße von Hormus. Diese gehen über die Öl- und Gasversorgung hinaus. Es besteht die Sorge ernster, zunehmender Versorgungsengpässe bei Rohstoffen – z.B. bei Ammoniak und Phosphat, Helium und Schwefel. Zusätzlich gibt es erste Hinweise auf Störungen bei internationalen Lieferketten. Versorgungsengpässe oder gar -ausfälle bei chemischen Grundstoffen würden sich auf viele Wertschöpfungsketten auswirken, an deren Anfang die Chemie steht, z.B. in den Bereichen Mobilität, Bau, Gesundheit, Verpackung oder Konsumgüter.

Aufgrund der derzeitigen Unwägbarkeiten gibt der VCI erstmals keine Prognose für die Entwicklung in diesem Jahr ab. Der Irankrieg sorge für große Unsicherheit, deshalb lasse sich die Entwicklung der Chemie- und Pharmaindustrie im Jahr 2026 aktuell nicht verlässlich prognostizieren, so VCI-Hauptgeschäftsführer Wolfgang Große Entrup.

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Innerhalb der Chemiesparten verlief die Entwicklung unterschiedlich: Die Grundstoffchemie war vom Rückgang besonders betroffen. Hier brach vor allem die Polymerproduktion ein.
© VCI

Die Zahlen im Überblick:

  • Die Produktion legte im letzten Quartal 2025 dank kräftiger Zuwächse in der Pharmaindustrie um 0,9 % zu. Damit lag sie 1,9 % über dem Vorjahresniveau. In der Chemie wurde die Produktion dagegen erneut deutlich gedrosselt (–2,9 % gegenüber dem Vorjahresniveau). Sie liegt damit weiter auf einem sehr tiefen Niveau. Die Kapazitätsauslastung der Chemieanlagen lag 2025 im Schnitt bei 72,5 %. Im Gesamtjahr ging die Produktion der Branche um 0,5 % zurück (Chemie –3,3 %, Pharma +4,5 %).
  • Kosten und Preise: Im vierten Quartal 2025 gab es bei den Erzeugerpreisen der Branche kaum Bewegung. Im Zwölfmonatsvergleich lagen sie um 0,6 % niedriger. Die Preise für Chemikalien gaben weiter nach – vor allem wegen des steigenden Importdrucks. Gleichzeitig blieb die Kostenbelastung im Vergleich zu Wettbewerbern hoch.
  • Der Gesamtumsatz der Branche ging im vierten Quartal 2025 im Vergleich zum Vorquartal um 0,6 % zurück. Mit 51,8 Mrd. EUR lag er 2,8 % unter dem Niveau von vor zwölf Monaten. Im Inland sanken die Erlöse saisonbereinigt auf 18,9 Mrd. EUR (–2,3 %). Das Auslandsgeschäft erholte sich gegenüber dem Vorquartal leicht auf 32,9 Mrd. EUR. Damit lag es aber weiterhin 2,7 % unter dem Vorjahreswert – ein Hinweis auf die schwache preisliche Wettbewerbsposition. Im Gesamtjahr erzielten Chemie und Pharma zusammen einen Umsatz von 220 Mrd. EUR – das ist ein Minus von 1,4 % (Chemie –3,8 %, Pharma +5,5 %). Im Inland wurde ein Gesamtumsatz von 83 Mrd. EUR, im Ausland von 136 Mrd. EUR erzielt.

Große Entrup kommentierte: „Die Jahresbilanz der Chemie ist unterirdisch – Produktion, Umsatz und Preise sind im roten Bereich. Pharma ist mit einem soliden Plus ein Lichtblick. Nach dem Regierungswechsel hatten wir uns deutlich mehr erhofft. Der Frust in den Unternehmen über die wirtschaftspolitische Kurskorrektur mit angezogener Handbremse ist groß. 2026 wird nicht leichter." Das Sondervermögen der Bundesregierung, dass der VCI ausdrücklich begrüßte, verschaffe den Unternehmen aber lediglich Zeit, mehr nicht.

Schon vor dem Irankrieg habe es keine Aufbruchstimmung gegeben, so der VCI-Hauptgeschäftsführer. Je länger der Krieg dauere, desto heftiger seien die Folgen. "Die hohen Preise und die anhaltende Unsicherheit bringen viele Betriebe an ihre Grenzen. Strategische Planung ist immer weniger möglich. Stattdessen fahren die Unternehmen auf Sicht. Die Weltordnung wird neu vermessen. Europa ringt um Orientierung. Deutschland reformiert im Schneckentempo. Ohne echten Reformwillen und mächtig Tempo in Berlin und Brüssel droht ein Strukturbruch für die industrielle Basis,“ sagte Große Entrup.

Er kritisierte: "Tempo und Richtung des Strukturwandels in unserer Branche sind besorgniserregend." Und im Rückblick auf die vergangenen Jahre seit Ausbruch der Coronapandemie mit ihren wirtschaftlichen Verwerfungen: "Die Krise ist der neue Betriebsmodus." Seit 2022 habe es in der Branche 135 Insolvenzen gegeben. Der Begriff "Deindustriealisierung" sei inzwischen Realität und nicht mehr nur ein Schreckgespenst. Und der Krieg im Nahen Osten mit Preissteigerungen oder sogar Lieferengpässen essenzieller Chemierohstoffe verschärfe die Lage für die Betriebe weiter. Die Unternehmen konkurrierten zunehmend nicht mehr nur mit Wettbewerbern, sondern mit der Macht ganzer Staaten," so Große Entrup.


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© Steigende Aufträge in einigen Industrieanlagen deuten auf eine langsame Erholung der Produktion hin. Diese positiven Signale tauchen bislang aber kaum in den Auftragsbüchern der chemischen Industrie auf.

Für die kommenden Monate zeichnet sich keine Trendwende ab. In Deutschland gibt es zwar erste Signale einer industriellen Erholung und die weltweite Industriekonjunktur wächst moderat. Doch die Chemieunternehmen zweifeln daran, dass sich diese Impul­se in ihren Auftragsbüchern widerspiegeln werden. Die Erwartungen bleiben insgesamt wie auch im Exportgeschäft verhalten.

Die gesamtwirtschaftliche Entwicklung in Deutschland dürfte 2026 erstmals seit mehreren Jahren wieder ein moderates Wachstum ermöglichen. Entscheidende Impulse kommen aus der Finanzpoli­tik: Umfangreiche staatliche Investitionen, insbesondere in Infra­struktur, Digitalisierung und die Energiewende, stabilisieren die wirtschaftliche Entwicklung. Für die Nachfrage nach chemischen Erzeugnissen ist jedoch vor allem die Entwicklung der industriel­len Kunden und des Baugewerbes entscheidend. Die staatlichen Investitionsprogramme dürften in der Bauwirtschaft im weiteren Jahresverlauf zu einer Belebung führen, wovon auch die Chemie als wichtiger Zulieferer profitieren könnte. 

Steigende Aufträge in einigen Industrieanlagen deuten auf eine langsame Erholung der Produktion hin. Diese positiven Signale tauchen bislang aber kaum in den Auftragsbüchern der chemischen Industrie auf. Viele Kunden bleiben vorsichtig. Sie arbeiten weiterhin mit niedrigen Lagerbe­ständen und weichen zunehmend auf ausländische Anbieter aus. Der Importdruck nimmt weiter zu, sodass die Branche bezweifelt, dass aus der gesamtwirtschaftlichen Stabilisierung eine spürbare Verbesserung ihrer Nachfrage entsteht.

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Er verwies auf die Gegenüberstellung von Kapazitätsstilllegungen und Neuinvestitionen der Chemieunternehmen in Deutschland. Zum Jahresende beschleunigte sich der Rückgang der Mitarbeiterzahlen in der Chemie spürbar. Im Gesamtjahr lag die Beschäftigung in der Chemiebranche um gut 1 % unter dem Vorjahresniveau. Angesichts bereits angekündigter Spar- und Restrukturierungsmaßnahmen sowie der weiterhin herausfor­dernden wirtschaftlichen Situation ist ein Ende des Beschäftigungsabbaus derzeit nicht absehbar.

Da Chemie (und Pharma) am Anfang vieler Wertschöpfungsketten und im Zentrum des Wirtschaftskreislaufs stehen – mit innovativen Produkten, aber auch aufgrund der volkswirtschaftlichen Effekte als starker Industriezweig mit gut bezahlten Arbeitsplätzen, wirkt sich der Nettoverlust an Produktionskapazitäten auf die Gesamtwirtschaft aus.

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