24.06.2026 • News

Neues aus dem VAA – Die Industrie der Industrien vergeht im Schattenboxen

Roland Fornika und Christoph Gürtler, VAA

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Während sich die Berliner Republik im rhetorischen Klein-Klein über Sozialsysteme und die Streichung von Feiertagen verliert, vollzieht sich in den Herzkammern der deutschen Wirtschaft eine laut schweigende Tragödie. Die Chemie- und Pharmaindustrie, traditionell die Industrie der Industrien, verliert schleichend ihr Fundament. Das vermeintliche Auftragshoch der gesamtdeutschen Industrie zu Beginn des Jahres war ein Strohfeuer, ein Sattelpunkt auf dem Weg nach unten, kein Wendepunkt.
Das Statistische Bundesamt legte die nackten Zahlen schnell offen: Der kurze Hoffnungsschimmer beruhte lediglich auf volatilen Großaufträgen im Fahrzeug- und Rüstungsbau. Direkt im Anschluss brachen die Aufträge inflationsbereinigt wieder ein; allein die Pharmaproduktion stürzte schon im Januar wieder ab, um fast 12 %. Was wir erleben, ist keine Delle. Es ist eine strukturelle Kernschmelze.
Es ist daher ein weiteres notwendiges und alarmierendes Signal, wenn IGBCE-Chef Michael Vassiliadis pünktlich zum Sozialgipfel des Kanzlers das Scheinwerferlicht auf die nackte Realität lenkt. In „Die Zeit“ sprach er jüngst aus, was die Praxis seit Jahren lähmt: Die politische Agenda dient der Haushaltskonsolidierung, ignoriert aber die Überlebensfrage nach Wachstum und globaler Wettbewerbsfähigkeit.
Wenn die Politik über Arbeitszeitverlängerungen debattiert, geht das völlig an der Realität der Betriebe vorbei. Unser Problem ist kein Mangel an Arbeitsstunden. Unser Problem ist der dramatische Einbruch der Nachfrage. Die aktuelle Anlagenauslastung in der Chemie liegt bei unrentablen 75 %, das vermelden Unternehmen, Verbände und Gewerkschaften einstimmig. Die Wahrheit lautet: Wir reden in den Werkshallen zwar über Überstunden – aber aufgrund von fehlenden (Schicht-) Fachkräften – und sorgen uns ansonsten um Werkschließungen am unrentablen Standort Deutschland.
Das politische Berlin betreibt gefährliches Schattenboxen. Für die Zukunft unserer Standorte sind die erdrückenden Energiekosten, die überbordende Bürokratie und die Verlagerung von Arbeitsplätzen gen Osten – Europa wie Asien – fundamentaler als jede Symboldebatte um das Renteneintrittsalter. Als Aufsichtsräte und leitende Angestellte teilen wir diese scharfe Lageanalyse unseres Sozialpartners ausdrücklich. Wo die Diagnose übereinstimmt, muss nun jedoch das wirtschaftliche Management-Rezept folgen.
Denn wissenschaftliche Daten zeigen präzise, wie kurz die verbleibende Zeitspanne ist. Die Szenarien von Roland Berger und dem europäischen Chemieverband Cefic skizzieren unmissverständlich die Weggabelung für Europa: Entweder gelingt der Umbau zu hochintegrierten, technologiegetriebenen und zirkulären Verbundstandorten oder uns droht die Abwanderung der systemnotwendigen Basischemie nach Asien und in den Nahen Osten. Schon jetzt sind hochbezahlte Arbeitsplätze der Industrie in Deutschland dauerhaft verloren, allein im Vorjahr wurden über 120.000 Stellen abgebaut.
Wie dieser Umbau technisch gelingen kann, hat die Dechema in ihren Roadmaps zur Defossilisierung detailliert durchgerechnet. Das technologische Fundament steht: CO2-Nutzung, Wasserstoff und die Elektrifizierung der Cracker sind machbar. Doch die Dechema-Analysen legen auch die Achillesferse offen: Ohne gigantische Mengen an wettbewerbsfähigem, grünem Strom – keine Gaskraftwerke – und den schnellen Ausbau grenz­überschreitender Wasserstoff- und CO2-Infrastrukturen kollabiert die Wirtschaftlichkeit. Wir stehen vor der Transformation zu zirkulären Hubs, doch uns fehlt das verlässliche Fundament und der Kundenwille, mehr zu zahlen für die nachhaltige Produktion.
Wenn die Industrie der Industrien wegbricht, darben die Wertschöpfungsketten der gesamten europäischen Wirtschaft und wir laufen in weitere weitreichende Abhängigkeiten. Es ist Zeit, die ideologischen Grabenkämpfe und politischen Ablenkungsmanöver einzustellen. Wir brauchen keine Debatten über Verteilung, wenn das Kuchenstück immer kleiner wird. Wir brauchen eine radikale Priorisierung von industrieller Wettbewerbsfähigkeit, bezahlbarer Energie und echter Infrastruktur-Moderne. Sonst verwalten wir bald nur noch die Ruinen eines einstigen Exportweltmeisters.

Dieser Beitrag ist in CHEManager 5/2026 erschienen.

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