Chemie im Wandel: Von Breakthroughs zu Speed
Wie sich Innovation von Durchbrüchen zu kontinuierlicher Weiterentwicklung verschiebt und welche Konsequenzen sich daraus ergeben.
Interview mit Jan Haemer und Marie Verdier, Simon-Kucher & Partners

Die Spezialchemie ist eine zentrale Stärke Europas. Während Basischemikalien unter Kostendruck stehen, bleiben wissensintensive Segmente wie Additive, Coatings oder Inhaltsstoffe wettbewerbsfähig. Doch auch hier verändert sich die Innovationslogik grundlegend. Die beiden Simon-Kucher-Experten Jan Haemer und Marie Verdier erläutern, wie sich Innovation von Durchbrüchen zu kontinuierlicher Weiterentwicklung verschiebt und welche Konsequenzen sich daraus ergeben.
CHEManager: Verliert die klassische Innovationslogik der Spezialchemie an Bedeutung?
Jan Haemer: Historisch war Spezialchemie stark technologiegetrieben. Unternehmen entwickelten neue Moleküle mit klaren Alleinstellungsmerkmalen – oft mit langen Lebenszyklen und stabilen Kundenbeziehungen. Flüssigkristalle oder Superabsorber zeigen, wie einzelne Innovationen über Jahre hohe Margen sichern konnten.
Marie Verdier: Das Modell existiert weiter, ist aber nicht mehr dominant. Innovation verschiebt sich von Durchbrüchen zu kontinuierlicher Weiterentwicklung – Produkte werden schneller an Regulierung, Nachhaltigkeit und Kundenbedürfnisse angepasst.
Was treibt diesen Wandel?
M. Verdier: Nachhaltigkeit wird zunehmend zu einem gefragten Leistungsmerkmal – etwa bei PFAS-freien Additiven oder biobasierten Inhaltsstoffen. Gleichzeitig werden Anwendungen komplexer und stärker differenziert.
J. Haemer: Die Nachfrage fragmentiert sich. Statt weniger großer Anwendungen entstehen viele hochspezifische Einsatzfelder, während sich die Innovationszyklen verkürzen. Statt eines großen Durchbruchs sehen wir viele kleinere Verbesserungen: Formulierungsanpassungen, Performance-Optimierungen oder Lösungen für spezifische Anwendungen.
Was bedeutet das für die Wettbewerbsdynamik?
J. Haemer: Geschwindigkeit wird zum entscheidenden Wettbewerbsfaktor. Entscheidend ist nicht mehr nur die beste Chemie, sondern die schnellste Übersetzung von Kundenanforderungen in marktfähige Lösungen.
M. Verdier: Gleichzeitig verkürzt sich das Zeitfenster zur Monetarisierung. Erfolgreiche Unternehmen zeichnen sich daher durch enge Kundenintegration, schnelle Entwicklungsprozesse und starke technische Services aus.
Welche Rolle spielt dabei die kommerzielle Perspektive?
M. Verdier: Sie wird deutlich wichtiger – und setzt früher an. In einem Umfeld inkrementeller Innovation reicht es nicht mehr, Produkte zu entwickeln und zu bepreisen. Der Wert für den Kunden muss von Anfang an in die Entwicklung integriert werden.
J. Haemer: Das verändert die Logik: Unternehmen müssen stärker vom Markt her denken – also vom Nutzen, von Zahlungsbereitschaften und von klaren Anwendungsfällen. Pricing, Wertargumentation und Kundenverständnis werden zu integralen Bestandteilen des Innovationsprozesses.
Welche Rolle kann Europa in diesem Umfeld spielen?
J. Haemer: Europa hat weiterhin klare Stärken in wissensintensiven Spezialsegmenten – etwa in Coatings, Additiven oder Inhaltsstoffen für Konsumgüter. Diese Bereiche leben von Anwendungskompetenz und enger Kundeninteraktion.
M. Verdier: Gleichzeitig globalisiert sich Innovation. Viele Anwendungen entstehen in regionalen Ökosystemen – etwa in der Elektronik in Asien oder bei Pharma in Indien. Auch Spezialchemie erfordert zunehmend lokale Präsenz, Anwendungslabore und Kundennähe.
Was ist die zentrale strategische Konsequenz?
J. Haemer: Die Spezialchemie bleibt ein attraktives Geschäft, aber die Erfolgsfaktoren verschieben sich.
M. Verdier: Entscheidend ist nicht mehr die nächste große Molekülinnovation, sondern kontinuierliche, kundennahe Innovation – und Geschwindigkeit als zentraler Wettbewerbsfaktor.
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