24.06.2026 • News

Vom Engineering-Modell zum operativen Digital Twin

Sebastian Mahler, Head of Process Control Technology, Covestro; Mitglied des Vorstands der NAMUR; und Silvia Kärtner, Head of Digital Engineering, Covestro

In der Prozessindustrie entscheidet die Verfügbarkeit valider Anlagendaten über die operative Exzellenz. Mit der Abkehr von dokumentenbasierten Silos hin zu einem attributzentrierten Datenmanagement können signifikante Effizienzgewinne in Engineering und Maintenance realisiert werden.
Was lange als Zukunftsvision galt, ist bei Covestro bereits operative Realität: Ein Klick genügt, und die gesamte Anlage steht digital zur Verfügung. Durch die Verknüpfung hochpräziser 3D-Modelle mit den Dokumenten- und Datenströmen bricht das Unternehmen Informations­silos auf und stellt das Betriebspersonal ins Zentrum der digitalen Strategie.
In komplexen Chemieanlagen reduziert der Digitale Zwilling den Zeitaufwand für die Informationssuche erheblich. Komponenten können im Modell lokalisiert, technische Informationen unmittelbar abgerufen und Wartungsmaßnahmen gezielt vorbereitet werden. Hier können signifikante Zeitersparnisse in Informationssuche (ca. 7 %) und Informations-Updates (ca. 15 %) erreicht werden. Der Weg der Wartungskraft aus dem Feld zurück ins Büro, um in physischen Aktenordnern nach Schaltplänen, Prüfberichten oder technischen Datenblättern zu suchen, entfällt. Heute genügt der Griff zum Tablet: Ein Tipp auf das Bauteil im 3D-Modell öffnet sofort alle verknüpften Dokumente und die Wartungshistorie aus SAP. Was früher Stunden in Anspruch nahm, ist nun in Sekunden verfügbar.

Effizienzsprung durch tiefe Integration und interdisziplinäre Zusammenarbeit

Der wahre Innovationswert liegt nicht allein in der visuellen 3D-Repräsentation, sondern in der intelligenten Vernetzung im Hintergrund. Jedes Objekt im Digitalen Zwilling ist fest mit seinen funktionalen Standorten, Leitungslisten und Handbüchern verknüpft.

  • Intuitiver Zugriff: Über das sog. „Hot-Spotting“ navigieren Anwender virtuell durch die Anlage, messen Distanzen und planen Modifikationen, noch bevor der erste Schraubenschlüssel angesetzt wird.
  • Digitaler Workflow: Korrekturbedarfe werden direkt der digitalen Isometrie markiert und ohne Medienbruch oder Zeitverzögerung via Workflow an das Engineering übermittelt.
  • Datenkonsistenz: Das System sorgt dafür, dass Dokumente inhärent Kernattribute wie Tag-IDs tragen, wodurch manuelle Übertragungsfehler eliminiert werden.

Auch für das Engineering eröffnet dies neue Möglichkeiten bei der Planung von Anlagenänderungen. Einbausituationen können im virtuellen Modell überprüft, potenzielle Konflikte frühzeitig erkannt und Änderungen bereits vor der Umsetzung in der realen Anlage bewertet werden. Gleichzeitig verbessert die konsistente Datenbasis die Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Engineering-Disziplinen.
Ein zusätzlicher Nutzen zeigt sich gerade in dieser interdisziplinären Zusammenarbeit. Durch die gemeinsame Datenbasis können Anlagenplanung, Rohrleitungsengineering und Prozessleittechnik auf konsistente Anlageninformationen zugreifen. Instrumentierungsdaten, Messstellen und Anlagenobjekte sind strukturiert miteinander verknüpft. Regelkreise und Automatisierungsstrukturen lassen sich dadurch im Anlagenkontext analysieren, während Änderungen an der Prozessleittechnik schneller nachvollzogen und konsistent dokumentiert werden können.

Change-Management und Anwenderakzeptanz

Die Einführung des Digitalen Zwillings ist weit mehr als ein IT-Projekt – sie verändert gewohnte Arbeitsprozesse und verlangt Kollaboration, wo zuvor Silodenken dominierte. Der Übergang von der manuellen Dokumentensuche hin zu datengesteuerten, automatisierten Abläufen erfordert ein intensives Change-Management.  
Um die digitale Transformation erfolgreich zu beschreiten, ist die Anwenderakzeptanz der entscheidende Erfolgsfaktor. Nur durch gezielte Trainingsangebote und die aktive Einbindung der Belegschaft lassen sich die Potenziale der neuen Tools voll ausschöpfen. Die Veränderung der Arbeitskultur ist dabei ebenso kritisch wie die technologische Implementierung selbst, um datenzentriertes Arbeiten und hohe Datenqualität nachhaltig als Standard zu etablieren.
Während der operative Fokus heute auf der Verfügbarkeit und Integrität der Daten liegt, bilden diese Fortschritte das Fundament für die nächste Evolutionsstufe: die Asset Administration Shell (AAS). Als standardisierte digitale Repräsentanz wird die AAS langfristig die Brücke zu globalen Industriedatenräumen schlagen und eine herstellerübergreifende Interoperabilität ermöglichen. Auch wenn dies derzeit noch eine Vision ist, schafft Covestro durch die aktuelle Systemintegration und die asset-zentrierte Datenbereitstellung bereits heute die unverzichtbare Basis für die intelligente Fabrik von morgen.

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Sebastian Mahler

Sebastian Mahler, Head of Process Control Technology, Covestro; Mitglied des Vorstands der NAMUR

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Silvia Kärtner

Silvia Kärtner, Head of Digital Engineering, Covestro

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Dieser Beitrag ist in CHEManager 5/2026 erschienen.

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