Die Zukunft beginnt heute
Interview mit Björn Theis, Evonik Operations, und Ulrich Betz, Merck

Wie können Unternehmen heute die richtigen Entscheidungen für eine Zukunft treffen, die sich immer weniger vorhersagen lässt? Die aktuelle Zukunftsstudie des Verbands der Chemischen Industrie (VCI) gibt Orientierung. Andrea Gruß sprach mit den Zukunftsexperten Björn Theis, wissenschaftlicher Leiter der Studie sowie Leiter des Bereichs Foresight bei Evonik, und Ulrich Betz, Senior Vice President Innovation bei Merck, darüber, warum Unternehmen gerade jetzt langfristig denken müssen, welche Trends unabhängig vom Szenario Bestand haben und weshalb Innovationskraft, Talente und strategischer Mut über die Zukunft des Standorts entscheiden.
CHEManager: Herr Theis, die deutsche Chemieindustrie befindet sich in einem grundlegenden Strukturwandel. Gleichzeitig dominieren derzeit Krisen und kurzfristige Herausforderungen. Warum war gerade jetzt der richtige Zeitpunkt für eine Zukunftsstudie?
Björn Theis: Die Chemie-, Pharma- und Biotechindustrie muss bereits heute – und erst recht mit Blick auf die kommenden Jahrzehnte – unter extrem veränderten Rahmenbedingungen wettbewerbsfähig bleiben. Neue Wettbewerber, zusätzliche Regulierung und geopolitische Turbulenzen verändern die Spielregeln grundlegend. Deshalb reicht es nicht mehr, nur auf die aktuellen Herausforderungen zu reagieren. Aus der täglichen Praxis in der Forschung und Entwicklung wissen wir, wie wichtig es ist, langfristig zu denken und Optionsräume abzustecken, um Innovationsfelder und die dafür notwendigen Kompetenzen frühzeitig aufzubauen. Nur so können wir die mittel- bis langfristige Wettbewerbsfähigkeit unserer Industrien sichern und auch künftig einen Beitrag zu Wohlstand und Wertschöpfung in Deutschland leisten.
Dabei gilt für mich ein zentraler Satz: Die Krisen von heute dürfen das Vorbereiten auf morgen nicht verhindern. Genau deshalb braucht es gerade in Zeiten großer Unsicherheit den strategischen Blick nach vorn. Genau hierfür haben wir mit der VCI-Studie ein methodisches Werkzeug geschaffen.
Die Szenarien bieten das Orientierungswissen, das den Unternehmen der chemisch-pharmazeutischen Industrie dabei hilft, zukünftig benötigte Kompetenzen rechtzeitig zu erkennen und die eigene Forschung darauf auszurichten.
Ulrich Betz: Dem kann ich nur zustimmen. Unternehmen müssen heute Investitionsentscheidungen treffen, obwohl die Zukunft immer unvorhersehbarer wird. Sie müssen dabei bereit sein, bestimmte Wetten auf die Zukunft einzugehen – und genau dabei helfen unterschiedliche Zukunftsszenarien als Orientierungsrahmen.
Welche Methode der Zukunftsforschung nutzt die Studie?
„Die Krisen von heute dürfen
das Vorbereiten auf
morgen nicht verhindern."
B. Theis: Wir haben die explorative Szenarioanalyse genutzt. Dabei geht es nicht darum, die Zukunft vorherzusagen, sondern mögliche Zukünfte zu explorieren. Denn die Zukunft wird in der Gegenwart gemacht. Wenn Unternehmen, Staaten oder Institutionen heute in neue Technologien oder gesellschaftlichen Wandel investieren, dann werfen diese Entscheidungen sogenannte Zukunftsschatten voraus. Diese können wir mit der Szenarioanalyse in konsistente, daten- und faktenbasierte Zukunftsbilder übersetzen. Auf diese Weise kamen wir zu fünf Szenarien, die wir ‚Lange Bank‘, ‚Ökoliberale Wende‘, ‚Europäischer Frühling‘, ‚Resilienzparadigma‘ und ‚Mission 2025‘ (s. Tabelle) genannt haben. Anschließend haben wir die einzelnen Szenarien daraufhin analysiert, welche Risiken und Chancen sich ergeben und ob heutige Stärken oder Schwächen in den unterschiedlichen Zukunftsbildern künftig eine andere Bedeutung bekommen.
Die Methode wurde in den 1960er-Jahren entwickelt und hat sich seitdem bewährt, um plausible Zukunftsräume systematisch zu erschließen – nicht als Prognose, sondern als Grundlage für bessere Entscheidungen heute. Entwickelt wurde sie im Übrigen von der RAND Corporation, einem Think Tank in den USA, der die US-Regierung beriet. Sie diente zur Evaluierung militärischer Szenarien.
U. Betz: Die Szenariotechnik ist grundsätzlich sehr breit einsetzbar. Wir haben sie auch im Wissenschaftsrat der Bundesregierung für die Zukunft des deutschen Wissenschaftssystems angewendet. Das Spannende ist, dass in den Szenarien unterschiedliche Megatrends kombiniert werden, die nicht notwendigerweise zusammengehen müssen. Gerade dadurch entstehen alternative Zukunftsbilder, auf deren Basis man strategisch arbeiten kann.

Beobachten Sie gemeinsame Trends über mehrere Szenarien hinweg?
B. Theis: Ja, über fast alle Szenarien hinweg sehen wir gemeinsame Entwicklungen. Digitalisierung spielt in allen Zukünften eine zentrale Rolle – von Computational Chemistry über automatisierte Laborprozesse bis hin zur automatisierten Produktion. Gerade für die Innovation ist das ein klares Signal: Digitale Werkzeuge, inklusive KI, helfen in jedem Szenario, schneller auf Marktveränderungen zu reagieren. Das Gleiche gilt für die Defossilisierung. Der Klimawandel verschwindet in keinem Szenario. Auch die Kreislaufwirtschaft gewinnt überall an Bedeutung – sei es aus ökologischen Gründen oder zur Stärkung der Resilienz, wenn geopolitische Verwerfungen den Zugang zu Rohstoffen erschweren.
U. Betz: Ein weiterer Trend, der sich über alle Szenarien hinweg zeigt, ist die Bedeutung von Bildung und der Förderung der MINT-Fächer. Das ist eine zentrale Voraussetzung für die Innovationsfähigkeit unseres Landes und sollte weiter gestärkt werden. Ebenso wichtig ist die Dialogfähigkeit unserer Gesellschaft. In den Negativszenarien sehen wir immer wieder eine Derationalisierung, Ideologisierung und Polarisierung, die sachliche und technikgetriebene Lösungen erschwert. Umgekehrt zeigt sich: Ein rationaler, faktenbasierter Dialog wirkt sich in allen Szenarien positiv aus und ist deshalb eine der wichtigsten Handlungsempfehlungen.
Was unterscheidet die fünf explorierten Zukünfte?
„Unternehmen müssen bereit
sein, bestimmte Wetten auf
die Zukunft einzugehen."
B. Theis: Ein wesentlicher Unterschied ist der Grad der Globalisierung. Damit unterscheiden sich auch Ressourcenzugang und -effizienz. In manchen Szenarien haben wir weiterhin Zugriff auf alle Ressourcen, die wir benötigen, in anderen braucht die Chemie-, Pharma-, und Biotechindustrie eine vollständig geschlossene Kreislaufwirtschaft, um Materialien überhaupt noch zu den benötigten Preisen zu erhalten. Ein weiterer Unterschied betrifft die Innovation: Wenn wir weiter deglobalisieren, wird globale Innovation in regionale Innovationsnetzwerke zerfallen. Dann entstehen eher parallele Technologieentwicklungen – und die globale Innovation zahlt den Preis dafür, da wissenschaftliche Kapazitäten in der Breite gebunden sind, die sonst für globale disruptive Technologiesprünge genutzt werden könnten.
U. Betz: Ich sehe einen zentralen Unterschied und zugleich großen Unsicherheitsfaktor in der europäischen Integration. Sie ist in den Szenarien ein entscheidender Einflussfaktor und bestimmt maßgeblich, wie wettbewerbsfähig Europa künftig sein wird. Ob Europa weiter zusammenwächst oder politisch auseinanderdriftet, wird großen Einfluss darauf haben, was wirtschaftlich und technologisch möglich ist.
Werden Sie die Ergebnisse der Studien für die Strategieentwicklung in Ihren Unternehmen nutzen?
B. Theis: Ja, wir werden die Ergebnisse bei Evonik intensiv nutzen. Tatsächlich tun wir das bereits. Für unsere sechs Standorte in Deutschland wurden auf Basis der Szenarien Zukunftsbilder entwickelt. Dafür haben wir zunächst die gegenwärtigen Stärken und Schwächen jedes Standorts analysiert und anschließend untersucht, wie sich diese in den verschiedenen Szenarien entwickeln. Daraus haben wir für jeden Standort ein Zukunftsbild und konkrete Handlungsschwerpunkte abgeleitet. Die Ergebnisse fließen bereits in die Praxis ein.
U. Betz: Auch für Merck ist die Studie wichtig. Gleichzeitig nutzen wir auch Zukunftsstudien unserer Kollegen aus den USA oder China. Denn die deutsche Sichtweise ist nur eine von vielen, die in das Gesamtbild einfließt. Hierbei sehen wir weltweit zwei diametrale Narrative: Auf der einen Seite können künstliche Intelligenz, Robotik und neue Technologien ein neues goldenes Zeitalter der Innovation einläuten. Auf der anderen Seite stehen Klimawandel, Ressourcenknappheit und geopolitische Spannungen. Die tatsächliche Zukunft wird vermutlich Elemente von beidem enthalten. Deshalb können Unternehmen nicht alle Eventualitäten absichern, sondern müssen auf Basis von Szenarien bewusst Wetten auf die Zukunft eingehen.
Was ist aus Ihrer Sicht die wichtigste Botschaft der Studie für Unternehmen und Politik?
B. Theis: Wie eingangs gesagt, ist die zentrale Botschaft der Studie, dass die Krisen von heute das Denken über morgen nicht verhindern dürfen. Die Studie zeigt, dass sich die Chemie-, Pharma- und Biotechindustrie nicht in die Zukunft sparen können, sondern sich in die Zukunft innovieren müssen – denn der Wettbewerb mit Asien kann nicht über den Preis gewonnen werden. Deshalb müssen die Industrien und Politik weiter auf Innovation, auf Bildung, auf die Modernisierung unserer Infrastruktur, auf Digitalisierung, Automatisierung und Robotik sowie auf eine stärkere Kooperationsfähigkeit setzen – nur so wird Deutschland auch künftig die großen Innovationen hervorbringen.
U. Betz: Für mich das wichtigste Thema: Talente. Man braucht Menschen, die frei, logisch und unternehmerisch denken können und in der Lage sind, Unternehmen durch eine immer volatilere Zukunft zu führen. Gleichzeitig müssen wir frühzeitig auf die richtigen Technologien setzen. Wir haben in Deutschland zu oft Technologien verschlafen. Um Trends von Anfang an mitzugestalten, müssen wir wieder bereit sein, auch risikoreich in neue Technologien zu investieren. Die nächste große Technologie zeichnet sich heute oft nur in groben Konturen ab. Um Technologieführerschaft zu erreichen, braucht es den Mut, langfristig zu denken und zu investieren. Wissenschaftliche Forschung und verantwortungsvolles Unternehmertum sind für den technologischen und wissenschaftlichen Fortschritt von Merck entscheidend. Dieser Grundsatz gilt seit der Gründung im Jahr 1668. Und die Gründerfamilie ist bis heute Mehrheitseigentümer des börsennotierten Konzerns.

Björn Theis
Björn Theis ist wissenschaftlicher Projektleiter der VCI-Studie „Deutschland 2045“ und Vice President sowie Leiter des Bereichs Foresight bei Evonik. Theis studierte Kulturanthropologie, Philosophie und Anglistik an der Universität zu Köln und gehört zu den Gründungsmitgliedern des ersten Masterstudiengangs für Foresight in Deutschland an der Freien Universität Berlin. Zudem ist er ein Mitglied des Insight-Beraterkreises des Bundesministeriums für Forschung, Technologie und Raumfahrt.
© Evonik Industrie AG

Ulrich Betz
Ulrich Betz ist Senior Vice President Innovation bei Merck sowie Gründer und Vorsitzender des Future Insight (futureinsightassociation.org). Er wurde in den Wissenschaftsrat der Bundesrepublik Deutschland berufen und ist Vorstandsmitglied der Gesellschaft Deutscher Chemiker. Betz studierte Biochemie und physiologische Chemie in Tübingen und promovierte in funktioneller Genomik und Immunologie an der Universität zu Köln. Er ist Co-Erfinder zweier auf dem Markt befindlicher Medikamente.
© Merck KGaA











