UBA und ISC3 diskutieren über nachhaltige Chemikalienwirtschaft
Eine zentrale Erkenntnis der „Spotlights 2026 lautet: Shaping the Chemical Transition Together“.

Die Transformation der Chemieindustrie ist eine gemeinsame europäische Systemaufgabe, sie kann nur gemeinsam gelingen. Sie erfordert nicht nur technologische Innovationen, sondern auch wettbewerbsfähige Produktionsbedingungen, Investitionen, wirksame Regulierung und gesellschaftliche Unterstützung.
Bei der gemeinsamen Konferenz von Umweltbundesamt (UBA) und International Sustainable Chemistry Collaborative Centre (ISC3) diskutierten in der vergangenen Woche 150 Fachleute aus Industrie, Politik, Wissenschaft, Finanzwirtschaft, Gewerkschaften und Zivilgesellschaft in Dessau-Roßlau über die Vision und Handlungspfade für eine nachhaltige Chemikalienwirtschaft in Europa bis 2050. Während sich die Teilnehmer weitestgehend einig waren, dass ein Wandel der chemischen Industrie unausweichlich ist, wurde zugleich deutlich, dass über den richtigen Weg weiterhin unterschiedliche Vorstellungen bestehen.
„Die europäische Chemieindustrie ist unverzichtbar für unsere wirtschaftliche Zukunft und für die ökologische Transformation. Doch Klimaschutz, Ressourcenschonung und der Schutz vor Chemikalien, die die Umwelt belasten, dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden. Wir brauchen einen gemeinsamen Transformationspfad, der die planetaren Grenzen respektiert, industrielle Wertschöpfung ermöglicht und von möglichst vielen gesellschaftlichen Akteuren getragen wird“, sagt Dirk Messner, Präsident des Umweltbundesamtes.
Zwischen industrieller Wettbewerbsfähigkeit und ökologischer Erneuerung
Die Beiträge und Diskussionen unter anderem von Prof. Dirk Messner (UBA), Ilka Hirt (BMUKN), Marco Mensink (Cefic), Christoph Gürtler (Covestro, VAA), Alexander Bercht (IG BCE), Veronica Manfredi und Kristin Schreiber (Europäische Kommission) und Peter H. Seeberger (MPI, CTC) zeigten die Herausforderungen für Europas Chemieindustrie: hohe Energie- und Investitionskosten, internationaler Wettbewerbsdruck und die Gefahr, dass industrielle Wertschöpfung abwandert. Gleichzeitig muss die Branche fossile Rohstoffe ersetzen, Emissionen senken und nachhaltige ressourcenschonende Chemikalien entwickeln, die in Kreisläufen geführt werden und am Lebensende als Rohstoffe für die chemische Industrie eingesetzt werden.
Die Referenten machten auch unterschiedliche industriepolitische Ansätze deutlich. Während die Sicherung bestehender Produktionsstandorte und Arbeitsplätze eine zentrale Rolle spielte, regten sie ebenso zur Diskussion darüber an, wie innovative Start-ups und kleinere Unternehmen mit neuen Technologien stärker unterstützt und besser in industrielle Wertschöpfungsketten eingebunden werden können.
Eine Chemie, die nachhaltig ist, benötigt Innovationen, Investitionen und funktionierende Leitmärkte
„Die Zukunft der europäischen Chemieindustrie wird davon abhängen, ob es uns gelingt, Wettbewerbsfähigkeit, Innovationskraft und Nachhaltigkeit konsequent miteinander zu verbinden. Nachhaltige Chemie bietet dafür einen ganzheitlichen Ansatz: Sie betrachtet nicht nur einzelne Technologien oder Produkte, sondern gesamte Wertschöpfungsketten. Europa verfügt über die wissenschaftliche und industrielle Kompetenz, diese Transformation aktiv zu gestalten. Jetzt kommt es darauf an, Innovationen schneller in die industrielle Praxis zu bringen und dafür die richtigen Partnerschaften zu schaffen“, erklärt Thomas Wanner, Managing Director des ISC3.
Neben den Diskussionen über alternative Rohstoffquellen, biobasierte Materialien, Kreislauftechnologien und die Substitution bedenklicher Chemikalien rückte eine zentrale wirtschaftliche Herausforderung in den Fokus: Wie entsteht eine ausreichende Nachfrage nach nachhaltigeren Chemikalien und Materialien – und wie erreichen die daraus entstehenden Erlöse diejenigen Unternehmen, die in neue Produktionsverfahren und Anlagen investieren müssen? Die Diskussionen zeigten, dass öffentliche und private Finanzierung, regulatorische Anreize und der Aufbau entsprechender Leitmärkte zusammengedacht werden müssen und Unternehmen Planungssicherheit benötigen. Auch transparente Informationen über die Nachhaltigkeit von Produkten und Lieferketten können dazu beitragen, Investitionen wirtschaftlich attraktiver zu machen.
Klima, Kreislaufwirtschaft und Chemikaliensicherheit zusammendenken
Die Konferenz unterstrich, dass die Transformation nicht auf die Reduktion von CO₂-Emissionen verengt werden darf. Auch Biodiversität, Ressourcennutzung, Schadstoffvermeidung, soziale und gesundheitliche Auswirkungen müssen von Anfang an berücksichtigt und zusammengedacht werden. Gerade bei der Entwicklung neuer Materialien gilt es, unerwünschte Zielkonflikte zu vermeiden – etwa wenn als problematisch eingestufte Stoffe durch Alternativen ersetzt werden, die ähnliche Risiken aufweisen.
In sechs parallelen Arbeitsgruppen vertieften die Teilnehmenden zentrale Handlungsfelder, darunter Innovation und Finanzierung, Kreislaufwirtschaft, sichere Verbraucherprodukte im Bereich Elektronik, regulatorische Rahmenbedingungen und die Umsetzung europäischer Umweltziele.
Von der gemeinsamen Vision zu konkreten Transformationspfaden
Die abschließenden Diskussionen machten deutlich: Die Bereitschaft zum Dialog ist vorhanden, die Umsetzung braucht Stakeholder-übergreifende Zusammenarbeit und konkrete Entscheidungen. Und es muss jetzt gehandelt werden.
Die Teilnehmenden betonten die Bedeutung eines kontinuierlichen, sektorübergreifenden Austauschs, um unterschiedliche Perspektiven zusammenzuführen und gemeinsame Ansätze für die Transformation der Chemieindustrie weiterzuentwickeln. Dabei wurden auch Möglichkeiten diskutiert, wie die Zusammenarbeit zwischen Industrie, Wissenschaft, Politik, Gewerkschaften und Zivilgesellschaft langfristig gestärkt werden könnte. Die Spotlights 2026 haben hierfür wichtige Impulse und Erkenntnisse geliefert.













