23.04.2026 • News

Neues aus dem VAA – Fach- und Führungskräfte bewerten 2025 als industriepolitisch verlorenes Jahr

Politiker, Branchenköpfe und Zahlen sind sich einig: Die Lage des Chemie- und Pharmastandorts Deutschland bleibt ernst. Das zeigt die aktuelle Standortumfrage, die der VAA gemeinsam mit der Dechema unter Fach- und Führungskräften der Branche durchgeführt hat. Die Gesamtbewertung der abgefragten Standortfaktoren liegt bei 3,3 auf einer Skala von 1 (sehr positiver Einfluss) bis 5 (sehr negativer Einfluss) – minimal besser als im Vorjahr (3,4), aber weiterhin deutlich im negativen Bereich. Das deckt sich mit dem Bild, das der Verband der Chemischen Industrie (VCI) zuletzt zeichnen musste: Die Kapazitätsauslastung der Chemieanlagen lag 2025 im Schnitt bei 72,5 % – weit unter der Rentabilitätsschwelle. Die Jahresbilanz der Chemie sei „unterirdisch“, kommentierte VCI-Hauptgeschäftsführer Wolfgang Große Entrup, und der Frust in den Unternehmen über die wirtschaftspolitische Kurskorrektur „mit angezogener Handbremse“ sei groß.

Der größte Schmerzpunkt unter den 18 abgefragten Standortfaktoren: die Energiepreise, bewertet mit 4,3 und zugleich der zweitgewichtigste Faktor überhaupt. Dicht dahinter rangieren Bürokratie und Genehmigungsverfahren. „Industriepolitisch ist ein Jahr verloren gegangen“, sagt Christoph Gürtler, zweiter Vorsitzender des VAA und Aufsichtsratsmitglied bei Covestro. „Wir laufen Gefahr, hochqualifizierte, für die deutsche Resilienz wichtige Arbeitsplätze nicht mehr sichern zu können.“
Der Irankrieg, der nach dem Erhebungszeitraum ausbrach, verschärft die Lage zusätzlich. Die Prognose für 2026 bleibt aufgrund des Irankriegs unsicher, und die hohen Preise sowie die anhaltende Unsicherheit bringen viele Betriebe an ihre Grenzen. „Damit die ohnehin gebeutelte Chemieindustrie nicht gänzlich den Boden unter den Füßen verliert, darf es keine industriepolitischen Denkverbote geben“, fordert VAA-Hauptgeschäftsführer Stephan Gilow: „Halbmaßnahmen reichen nicht mehr!“

Chemieagenda 2045: Richtung stimmt – Tempo fehlt

Immerhin: Die Politik hat reagiert. Am 26. März legten Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche und Bundesumweltminister Carsten Schneider gemeinsam mit VCI-Präsident Markus Steilemann und IGBCE-Chef Michael Vassiliadis die Ergebnisse der nationalen Chemieagenda 2045 vor. Vier zentrale Handlungsfelder adressieren kurzfristig die besonders angespannte Lage: Senkung der Stromkosten durch einen Industriestrompreis, Reformen des EU-Emissionshandels, Vereinfachungen im EU-Chemikalienrecht sowie eine bürokratiearme Umsetzung der Industrieemissionsrichtlinie. Steilemann mahnte dabei, der Befund stimme zwar, doch entscheidend sei, dass schnell spürbare Entlastungen folgen. Was noch fehle, sei Tempo und der klare Fokus auf Wettbewerbsfähigkeit.
Auch die VAA-Umfrage zeigt, wo Ansatzpunkte liegen: Positiv bewertet werden die vorhandene Produktionsinfrastruktur und das Ausbildungsniveau – Stärken, die es zu verteidigen gilt. Mehr als die Hälfte der Befragten sieht die Ausbildung in MINT-Fächern im internationalen Vergleich als gut oder sehr gut. „Unsere größte Stärke sind die exzellent ausgebildeten Köpfe in unserem Land. Damit sie sich entfalten können, müssen die richtigen Rahmenbedingungen geschaffen werden“, betont Dechema-Geschäftsführer Andreas Förster.
57 % der Umfrageteilnehmenden bewerten die Zukunftsaussichten dennoch als eher oder sehr negativ. „Arbeitsplätze, die verloren gehen, werden sich nur sehr schwer zurückholen lassen“, mahnt Gürtler. Die Chemieagenda 2045 ist ein Signal – ob es reicht, wird sich an der Umsetzung messen lassen.

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