12.08.2026 • News

Mehr Resilienz durch weniger Erdöl

Die konsequente Nutzung von Rezyklaten ist Klimaschutz und wirksame Sicherheitspolitik zugleich

Interview mit Reinhard Schneider, Werner & Mertz

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Reinhard Schneider führt das Familienunternehmen Werner & Mertz – bekannt durch die Marke Frosch – in fünfter Generation.
© Picture Alliance dpa Helmut Fricke

Werner & Mertz – bekannt für die Marke Frosch – ist ein Familienunternehmen in fünfter Generation. Der Hersteller von Wasch-, Reinigungs- und Pflegemitteln ist Vorreiter bei der Nutzung nachwachsender Rohstoffe und von Post-Consumer-Rezyklaten. Insgesamt hat das Mainzer Unternehmen bereits über 1,1 Milliarden Flaschen aus 100 % recyceltem Altplastik produziert. Andrea Gruß sprach mit Reinhard Schneider, Inhaber von Werner & Mertz, über wirksamere Anreize für den Einsatz hochwertiger Rezyklate und Strategien für den Weg aus der Abhängigkeit von Erdöl.

CHEManager: Herr Schneider, wo­rauf gehen die Wurzeln von Werner & Mertz zurück?


Reinhard Schneider: Unser Unternehmen wurde vor fast 160 Jahren als Wachszieherei und Kerzenmanufaktur gegründet. Etwa 20 Jahre später ging es in die nächste Generation an meinen Urgroßvater über. Er übertrug das Know-how aus der Wachsverarbeitung auf neue Produkte: So entstand 1901 mit Erdal die erste wirklich pflegende Schuhcreme auf Wachsbasis. Dieser Erfolg legte den Grundstein für das starke Wachstum des Unternehmens. Bereits Anfang der 1930er Jahre beschäftigte Werner & Mertz über 1.000 Mitarbeitende.
In den folgenden Jahrzehnten erweiterten wir unser Sortiment unter anderem um Produkte für die Boden- und Haushaltspflege. Einen weiteren Meilenstein erreichten wir 1986 mit der Einführung der Marke Frosch. Sie startete mit Neutral- und Essigreinigern und ist heute unsere wichtigste Marke, auf die rund 70 % unseres Umsatzes entfallen. Inzwischen umfasst das Sortiment auch Kosmetikprodukte wie Duschgels. Damit ist Frosch heute – nach Nivea – die am zweitbreitesten aufgestellte Dachmarke.

Was macht den Erfolg der Marke aus?

R. Schneider: Das Einführungsjahr von Frosch fiel in eine Zeit, die das Umweltbewusstsein vieler Menschen stark prägte. 1986 erschütterten die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl und der Brand beim Chemieunternehmen Sandoz die Öffentlichkeit. Die Ereignisse machten deutlich, wie wichtig der Schutz unserer natürlichen Lebensgrundlagen ist. In diesem Umfeld brachten wir mit Frosch die erste konsequent ökologische Reinigungsmarke auf den Markt. Anfangs mussten wir bei der Reinigungsleistung noch Kompromisse eingehen, weil wir bewusst auf problematische Chemikalien wie zum Beispiel Phosphate verzichteten. Heute ist Frosch die bekannteste Vertrauensmarke der Nachhaltigkeit. Ihr Ziel ist es, eine nachhaltige Lebensweise für möglichst viele Menschen attraktiv zu machen, indem sie zeigt, dass hohe Reinigungsleistung und Ressourcenschonung kein Widerspruch sind.

„Recyclingfähigkeit ist nur
eine theoretische Option.
Es gilt, den Rezyklatanteil an den
Werkstoffen tatsächlich zu erhöhen."

Welche Rohstoffbasis haben die Produkte der Marke Frosch?

R. Schneider: Seit 1986 sind unsere Rohstoffe zu 99 % pflanzenbasiert. Bei der Herstellung unserer Tenside verzichten wir bewusst auf Palmkern- und Kokosöle aus Monokulturen, für die häufig Regenwälder weichen müssen. Stattdessen setzen wir auf biodiverse europäische Ölpflanzen wie Raps, Oliven, Flachs und Sonnenblumen. Keines der verwendeten Öle steht dabei in Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion. Europäische Pflanzenöle unterscheiden sich jedoch in ihrer chemischen Zusammensetzung von tropischen Ölen. Deshalb erfordert ihre Verarbeitung zu leistungsfähigen Tensiden besonderes chemisches Know-how.

Auch bei den Verpackungen Ihrer Produkte setzen Sie auf Defossilisierung …


R. Schneider: Ja, wir haben die Bedeutung der Verpackung für die Gesamtökobilanz unserer Produkte früh erkannt und entsprechend gehandelt. Deshalb haben wir bereits vor einigen Jahren alle unsere Flaschen auf 100 % Rezyklat umgestellt. Auch bei unseren Nachfüllbeuteln, die gegenüber einer Flasche mit gleichem Füllvolumen bereits 70 – 80 % Kunststoff einsparen, gehören wir zu den Vorreitern. Die Beutel sind vollständig recyclingfähig, da sich die Dekorationsschicht rückstandslos ablösen lässt und den Recyclingprozess nicht beeinträchtigt. Darüber hinaus haben wir bereits Nachfüllbeutel mit einem Rezyklat­anteil von 40 % in der Beutelfolie im Markt. Das ist technisch anspruchsvoll, da sich bei weichen Kunststoffen wie LDPE-Rezyklate nur schwer in hoher Qualität verarbeiten lassen.

Herr Schneider, Sie haben 2012 gemeinsam mit Partnern die Rezyclat-Initiative gegründet und sich damit früh auch über die Grenzen des eigenen Unternehmens hinaus für eine konsequente Kreislaufwirtschaft engagiert. Warum sollten wir den Anteil an Rezyklaten als Rohstoff steigern?

R. Schneider: Die derzeit für den Neuplastikherstellung in Deutschland verbrauchte Energiemenge würde ausreichen, um ein Drittel aller deutschen Haushalte zu beheizen. Ein Großteil dieser Energie – ebenso wie die damit verbundenen CO2-Emissionen – ließe sich einsparen. Denn viele Kunststoffe könnten ideale Kreislaufmaterialien sein. Sie lassen sich schon bei geringen Temperaturen von etwa 200 °C umformen, während dies bei Glas oder Metall erst bei über 1.000 °C möglich ist.
Der vermehrte Einsatz von Rezy­klaten könnte heute aber weit mehr als nur einen Beitrag zum Klimaschutz leisten. Alternative Rohstoffquellen erhöhen die Resilienz unsere Wirtschaft. Die Abhängigkeit von fossilen Rohstoffen und ihren Lieferländern ist inzwischen auf einem Niveau, das nicht nur ökologisch, sondern auch wirtschaftlich und geopolitisch teuer und riskant geworden ist. Der aktuelle Iran-Konflikt hat erneut gezeigt, wie unsicher globale Rohstoffmärkte sind. Rezyklate sind deshalb ein wichtiger Baustein für mehr Versorgungssicherheit und eine resilientere Rohstoffbasis. Sie erschließen eine zusätzliche Rohstoffquelle, verringern die Abhängigkeit von fossilen Ressourcen und erhöhen unsere Sicherheit.

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Werner-Mertz GmbH

Rheinallee 96
55120 Mainz

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