KI – eine Frage der Führung
Kommentar von Franz Braun, Mitglied im Vorstand des VAIS, Verband für Anlagentechnik und Industrieservice e. V. (VAIS)

Kennen Sie Amaras Gesetz? Der amerikanische Zukunftsforscher Roy Amara formulierte 1978 das „Gesetz“, dass wir Menschen dazu neigen, die kurzfristigen Auswirkungen einer neuen Technologie zu überschätzen und die langfristigen Auswirkungen zugleich stets zu unterschätzen. Seit der Formulierung dieses Gesetzes zogen Computer, Internet und Smartphone ihren Siegeszug in unserem Leben an, Automatisierung und Industrie 4.0 wälzten die Industrie nachhaltig um.
Auf kaum eine Technologie trifft dieses Gesetz jedoch so sehr zu wie auf den Einzug der künstlichen Intelligenz (KI) in sämtliche Bereiche von Gesellschaft und Wirtschaft, den wir auch in unserer Branche des Industrieservice derzeit erleben. Mit einem gewaltigen Hype hat in der Industrie eine Diskussion um grenzenlose Möglichkeiten und eine Revolution von Wirtschaft und Produktion eingesetzt, in der KI ein „deus ex machina“ für sämtliche heutigen standortbezogenen Probleme, angefangen von demografischem Wandel bis hin zu der seit Jahren zu beobachtenden Stagnation der Produktivität in Deutschland ist. Viele der zunächst erwarteten kurzfristigen Produktivitätssprünge durch den Einsatz von KI sind bislang jedoch ausgeblieben oder fielen geringer aus als erhofft.
Doch der Einsatz der künstlichen Intelligenz diffundiert in sämtliche Bereiche und Anwendungsfälle und zeigt, dass alle langfristigen Folgen für die Zukunft des Industrieservice anfangs noch nicht absehbar waren. Im Zentrum steht mittlerweile nicht mehr allein die Frage, was künstliche Intelligenz alles kann, sondern welchen Platz KI langfristig im Service einnehmen wird. Es lassen sich die ersten Konturen eines Industrieservice erkennen, in dem der Einsatz von KI integraler, untrennbarer und selbstverständlicher Teil von Dienstleistungen ist und der sich fundamental vom „Prä-KI“-Industrieservice unterscheidet.
Die Unternehmen im Industrieservice und im VAIS integrieren so zusehends KI in ihre Geschäftsmodelle. Die Diskussion hat jedoch an betriebswirtschaftlicher Reife gewonnen: In unseren Diskussionen zeigt sich, dass bei diesem technologischen Roll-Out der unmittelbare Mehrwert zur Wertschöpfung Vorrang vor der bloßen technischen Umsetzbarkeit hat und pragmatisch bewertet wird. Aus einem Pilotstadium heraus überführen die Unternehmen nun erfolgsversprechende Anwendungen mit KI und skalieren sie hoch.
Auch im Zeitalter von künstlicher Intelligenz bewegen Menschen Industrie.
Die Unternehmen beschäftigen sich hierbei mit der Frage, welche Faktoren gegeben sein müssen, damit diese Anwendungen erfolgreich werden. Die eigentliche Bewährungsprobe des KI-Einsatzes liegt nicht in der Entwicklung, sondern in der Skalierung und Übertragung des Modells. Und siehe da: Die entscheidenden Startvoraussetzungen hierfür sind überraschend selten technologischer Natur. Sie finden sich stattdessen zumeist in der Organisation des Unternehmens und in der Unternehmenskultur.
Klare Verantwortlichkeiten und eine zentrale Anlaufstelle statt eines Silo-Denkens sorgen dafür, dass die Modelle erfolgreich skalieren und auch auf andere Gesamtbereiche übertragen werden können.
Eine weitere Grundvoraussetzung hierfür bildet die Qualität der Daten. Diese ist nicht ausschließlich eine Frage der Datengüte, sondern hängt gleichermaßen von der Transparenz und Effizienz der zugrunde liegenden Prozesse ab. Datenqualität ist daher zugleich Ausdruck der Qualität der Unternehmensprozesse. Mittlerweile haben die meisten Industrieserviceunternehmen erkannt, dass sie in diesem Bereich noch erheblichen Nachholbedarf haben und zunächst die notwendigen Voraussetzungen schaffen müssen, bevor die eigentliche Einführung von KI-Anwendungen erfolgreich erfolgen kann.
Nicht zuletzt sind es die Mitarbeitenden, die der entscheidende Faktor im erfolgreichen KI-Einsatz sind. Im VAIS wissen wir, auch im Zeitalter von künstlicher Intelligenz bewegen Menschen Industrie. Die Qualifizierung der Mitarbeitenden und der sichere und transparente Zugang zu KI-Lösungen wird ein wichtiger Faktor sein. Sie wird aber nur auf Grundlage kontinuierlicher und professioneller Weiterbildung im richtigen Format und unter der richtigen Ansprache der Mitarbeitenden gelingen.
Der entscheidende Hebel für die erfolgreiche Einführung und Skalierung von KI liegt jedoch in der strategischen Führung. Die Implementierung von KI ist eine Managementaufgabe, die klare Prioritätensetzung, die Bereitstellung geeigneter Ressourcen sowie die aktive Gestaltung des organisatorischen Wandels erfordert. Nur so können erfolgreiche Anwendungsfälle über einzelne Pilotprojekte hinaus nachhaltig im Unternehmen etabliert und skaliert werden. Es zeigt sich, dass gerade der unternehmenskulturelle Wandel zu den häufig unterschätzten Folgen technologischer Veränderungen gehört, auf die Amara bereits vor über fünfzig Jahren hingewiesen hat.
Dieser Beitrag ist in CHEManager 6/2026 erschienen.
Lesen Sie mehr! Aktuelle Nachrichten, meinungsbildende Interviews, detaillierte Marktberichte und fundierte Fachartikel geben CHEManager-Lesern den entscheidenden Informationsvorsprung!
Zur CHEManager-AusgabeAnbieter











