Kohlenstoff neu denken
Die Transformation der chemischen Industrie ist ein tiefgreifender Strukturwandel industrieller Wertschöpfungssysteme, in dem Stoff- und Energieflüsse gemeinsam betrachtet werden müssen.
Kerstin Schmidt, Forum Rathenau

Die Transformation der chemischen Industrie ist ein tiefgreifender Strukturwandel industrieller Wertschöpfungssysteme, in dem Stoff- und Energieflüsse gemeinsam betrachtet werden müssen. Kohlenstoff bleibt dabei ein unverzichtbarer Rohstoff, wird jedoch zunehmend aus unterschiedlichen Quellen gewonnen und länger im industriellen Kreislauf gehalten. Biogene Rohstoffe, Recyclingmaterialien und abgeschiedenes CO₂ gewinnen neben fossilen Quellen an Bedeutung. Die vom Forum Rathenau beauftragte und vom Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie gemeinsam mit Arvid Friebe erstellte Studie „Kohlenstoffbasierte Industrien in Mitteldeutschland auf dem Weg in neue Märkte“ beschreibt eine langfristige Perspektive dieses Übergangs. Künftige Stoffströme werden auf mehreren, zunehmend gleichberechtigten Rohstoffquellen beruhen.
Kohlenstoff ist der zentrale Baustein organischer Moleküle und Grundlage nahezu aller Produkte der chemischen Industrie – von Kunststoffen über Spezialchemikalien und Pharmazeutika bis zu Düngemitteln. Auch eine klimaverträgliche chemische Industrie bleibt daher auf Kohlenstoff als Rohstoff angewiesen. Um die Abhängigkeit von fossilen Rohstoffen zu verringern, gewinnt die Diversifizierung der Kohlenstoffquellen an Bedeutung. Biomasse, Recyclingmaterialien und abgeschiedenes CO₂ können – in Verbindung mit grünem Wasserstoff und erneuerbarem Strom – neue Wege der Rohstoffversorgung für die chemische Industrie eröffnen. Dies kann fossile Importe reduzieren, die Versorgungssicherheit erhöhen und die Resilienz industrieller Lieferketten stärken. Angesichts geopolitischer Spannungen und fragiler globaler Lieferketten ist die Transformation der chemischen Industrie daher nicht nur eine Klimafrage, sondern auch eine Frage industrieller Souveränität. Dafür braucht es neue Geschäftsmodelle und Innovationskulturen, Investitionen, leistungsfähige Infrastrukturen, wettbewerbsfähige Strompreise und verlässliche regulatorische Rahmenbedingungen, damit neue Stoffverbünde entstehen können.
Strukturwandel im mitteldeutschen Chemiedreieck
Das mitteldeutsche Chemiedreieck zwischen Halle, Merseburg und Bitterfeld zählt zu den traditionsreichsten Chemieregionen Europas. Die vernetzten Chemieparks Leuna, Schkopau, Bitterfeld-Wolfen, Piesteritz und Zeitz bilden gemeinsam mit dem sächsischen Standort Böhlen einen eng über Pipelines verbundenen Stoff- und Energieverbund. Mit über 40 km² Industriefläche, mehr als 500 Unternehmen und rund 50.000 Beschäftigten in der Chemie- und Kunststoffindustrie ist die Region ein bedeutender Industriestandort. Leuna ist mit rund 1.300 ha und etwa 15.000 Beschäftigten der größte zusammenhängende Chemiestandort Deutschlands; der Chemiepark Bitterfeld-Wolfen beherbergt mehr als 350 Unternehmen.
Mit der angekündigten Stilllegung des Steamcrackers von Dow in Böhlen verliert dieser Verbund einen wichtigen Ausgangspunkt seiner bisherigen Rohstoffversorgung. Aus Naphtha werden dort Ethylen, Propylen und weitere Basischemikalien gewonnen, die u. a. als Ausgangsstoffe für Kunststoffe, Spezialchemikalien und Düngemittel dienen. Die Stilllegung markiert damit einen tiefgreifenden Wandel der petrochemischen Produktionsstrukturen im Chemiedreieck. Zugleich eröffnet sie die Chance, die bestehenden Stoff- und Energieverbünde neu auszurichten und die Rohstoffbasis stärker zu diversifizieren. Neben fossilen Ausgangsstoffen können dabei zunehmend biogene Kohlenstoffquellen, Recyclingmaterialien und abgeschiedenes CO₂ an Bedeutung gewinnen.
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