InfraLeuna-Chef fordert russisches Erdgas für Leuna
Christof Günther, Geschäftsführer der Chemieparkgesellschaft InfraLeuna, fordert die Wiederaufnahme russischer Pipelinegaslieferungen
Der Geschäftsführer der Chemieparkgesellschaft InfraLeuna, Christof Günther, fordert, russisches Gas wieder über Pipelines nach Deutschland zu liefern. Bei den aktuellen Energiepreisen ist nach seinen Worten die Grundstoffchemie nicht mehr wettbewerbsfähig. „Das Energieangebot muss ausgebaut werden, damit die Preise sinken“, sagte Günther. Die Bundesregierung solle sich daher zunächst für die Wiederaufnahme von Erdgaslieferungen über die Ukraine einsetzen.
Nach seinen Angaben wird russisches Erdgas in Europa und Deutschland nicht sanktioniert. Es gelange in verflüssigter Form als LNG wieder auf den Markt. „Etwa 10 % des in Deutschland verkauften Erdgases stammen Schätzungen zufolge weiter aus Russland“, so Günther, der zugleich energiepolitischer Sprecher des Verbands der Chemischen Industrie Nordost ist. Durch die Verknappung hätten sich die Großhandelspreise jedoch von 20 EUR je Megawattstunde im langjährigen Mittel mehr als verdoppelt. Die Erdgasrechnung habe sich dadurch allein in Deutschland um rund 30 Mrd. EUR im Jahr erhöht. Folgeeffekte beim Strompreis seien dabei nicht mit eingerechnet.
Doch würde Russland überhaupt Deutschland wieder mit günstigem Pipelinegas versorgen? Russische Lieferungen hätten in der Vergangenheit den gleichen Preis gehabt wie Pipelinegas aus Norwegen. „Es gibt nur einen europäischen Gaspreis“, erläutert Günther, der seit 20 Jahren auch im Gaseinkauf tätig ist. Als die russischen Gaslieferungen über die Ukraine Anfang 2025 gestoppt wurden, seien die Gaspreise deutlich gestiegen. Schon die Ankündigung von US-Präsident Donald Trump auf baldige Waffenstillstandsgespräche habe dagegen dazu geführt, dass die Preise gesunken sind. „Der Markt reagiert darauf, ob sich die Mengenerwartungen ändern“, so Günther.
Aus seiner Sicht ist die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Grundstoffchemie massiv gefährdet. „Durch das Pipelinegas aus Russland und Norwegen waren wir zumindest gegenüber Asien weiter konkurrenzfähig. Das sind wir aktuell nicht“, so Günther. Der Fracking-Boom in den USA habe die dortige Chemieindustrie beflügelt. Aktuell kostet Gas dort 12 EUR je Megawattstunde.
Günther sieht es auch nicht als Alternative, Grundstoffchemikalien wie Ammoniak im großen Stil zu importieren. In Ost- wie Westdeutschland gebe es große Verbundstandorte. „Basischemie und Spezialchemie sind an diesen Standorten eng miteinander verflochten“, erläutert Günther. Stoff- und Energieverbünde sowie Infrastrukturen werden gemeinsam genutzt. „So entstehen Synergien, auch bei Know-how und Innovationen. Verlieren wir die Basischemie, gefährden wir auch die Spezialchemie“, warnte Günther.
Der Chemieparkchef betont, dass in Leuna aktuell Investitionsprojekte im Umfang von mehr als 2 Mrd. EUR im Bereich der nachhaltigen Chemieproduktion umgesetzt werden. „Nachwachsende Rohstoffe, Kreislaufwirtschaft, Wasserstoff, synthetische Kraftstoffe: Unser Standort ist vielfach Vorbild für die Industrie“, so Günther. Die Unternehmen müssten jedoch weiter die Mittel für diese Investitionen erwirtschaften können.
Aktuell sind die Anlagen in Leuna den Angaben zufolge jedoch nur zu 70 bis 80 % ausgelastet. Das reiche nicht, um nachhaltig profitabel zu arbeiten. Im Chemiepark sind mehr als 25 größere Unternehmen tätig, darunter Domo, Linde, Shell, Taminco (Eastman) und TotalEnergies. Diese beschäftigen mehr als 10.000 Mitarbeitende am Standort. Die Chemieparkgesellschaft InfraLeuna versorgt die Produzenten zentral mit wichtigen Medien, darunter Strom, Wasserdampf und Wasser, und betreibt eine große Bahnlogistik. Der Chemiepark Leuna betreibt auch selbst ein Gaskraftwerk (Foto), das zuletzt modernisiert wurde.
Steffen Höhne, Wirtschaftsjournalist, Markkleeberg